Reporterin vor Ort

Fünf Jahre nach Ahrtal-Drama: Wie die Familie eines Flutopfers um Gerechtigkeit kämpft

Veröffentlicht:

von Emre Bölükbasi

:newstime

Nach der Flut: Familie Orth pocht auf Aufarbeitung

Videoclip • 05:14 Min • Ab 12


Johanna Orth starb in der Flutnacht im Ahrtal. Fünf Jahre später kämpfen ihre Eltern weiter um Aufklärung – obwohl die Ermittlungen eingestellt wurden. Unsere Reporterin war vor Ort.

Das Wichtigste in Kürze

  • Fünf Jahre nach der Ahrtal-Flut kämpfen Hinterbliebene weiter um Aufklärung.

  • Die Ermittlungen wurden eingestellt.

  • Eine Familie will jetzt sogar vor das Bundesverfassungsgericht ziehen.

Es ist ein Anruf, den Ralph und Inka Orth bis heute nicht vergessen können. Als das Telefon in ihrem Urlaub klingelt, meldet sich ihre Tochter Johanna aus Bad Neuenahr. Panisch. Verzweifelt. Wenige Stunden später ist die 22-Jährige tot.

Unsere Reporterin Lisa-Marie Krell hat die Eltern in ihrem Zuhause im Ahrtal besucht – fünf Jahre nach der Flutkatastrophe, die Deutschland erschütterte und allein in Rheinland-Pfalz 135 Menschen das Leben kostete.

Flutkatastrophe binnen weniger Stunden

"Johanna schrie panisch ins Telefon: 'Hier steht Wasser, ich stehe bis zu den Knien im Wasser. Ich komme nicht mehr aus der Wohnung, die Tür geht nicht auf, hier bewegen sich die Möbel'", erzählt Ralph Orth. "Und sie hatte panische Angst. Wenn man ein Kind hat, kennt man die Stimme und kann das sehr gut einordnen. Und das war Todesangst."

Dann bricht die Verbindung ab.

Die junge Frau lebte nur wenige hundert Meter von der Ahr entfernt in einer Erdgeschosswohnung. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 verwandelte sich der Fluss nach extremem Starkregen in einen zerstörerischen Strom. Innerhalb weniger Stunden rissen die Wassermassen Häuser, Autos und Brücken mit sich. Tausende verloren ihr Zuhause, ganze Orte wurden verwüstet.

Wurde die Bevölkerung zu spät gewarnt?

Vor Johannas ehemaliger Wohnung wird das Ausmaß der Katastrophe noch heute greifbar. Das Wasser stand damals bis in den ersten Stock. Am Morgen nach der Flut wurde die Leiche der 22-Jährigen in einer Tiefgarage gefunden.

Drei Jahre lang ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen Verantwortliche in der Region. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob die Bevölkerung früher hätte gewarnt oder evakuiert werden müssen.

Auch in den News:

Ermittlungen zur Flutkatastrophe eingestellt

Gegenstand der Ermittlungen war auch ein Video, das Johanna selbst am Abend des 14. Juli aufgenommen hatte. Darauf ist zu hören, wie Einsatzkräfte per Lautsprecherdurchsage lediglich davor warnten, Keller und Tiefgaragen zu betreten. Eine Aufforderung, Erdgeschosswohnungen zu verlassen, gab es zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht.

Die Ermittler:innen werteten mehr als 20 Terabyte Datenmaterial aus. Dennoch wurden die Ermittlungen 2024 eingestellt. Zur Begründung hieß es, es lasse sich nicht mit der nötigen Sicherheit feststellen, "ob durch weitergehende und frühere Räumungsaufforderungen Personenschäden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vermieden worden wären".

Für die Familie Orth ist das bis heute kaum nachvollziehbar.

"Es kann nicht sein, dass wenn Fehler passieren und wie hier 135 Menschen versterben, dass das keine Konsequenzen hat", sagt Inka Orth.


Familie Orth gibt juristischen Kampf nicht auf

Die Familie legte Beschwerde gegen die Einstellung der Ermittlungen ein und beantragte ein sogenanntes Klageerzwingungsverfahren – ohne Erfolg. Nun prüfen die Eltern eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe.

Auch der Strafrechtler Thomas Grosse-Wilde kritisiert die Entscheidung der Justiz. Der Bonner Jurist begleitet den Fall seit Jahren. Aus seiner Sicht gab es zumindest in einem Todesfall genügend Anhaltspunkte für eine Anklage.

"Die Anklageerhebung hätte einen ganz wesentlichen Vorteil: Es wird eine Transparenz erreicht der Aufarbeitung, weil in Deutschland die strafrechtliche Hauptverhandlung öffentlich geführt wird", sagt er.

Das deutsche Rechtssystem stoße bei Katastrophen dieser Größenordnung an Grenzen, meint der Jurist. Nach internationalem Vorbild fordert er deshalb unabhängige Untersuchungsstellen für Großschadensereignisse.


Juristische Aufarbeitung noch immer ein großes Anliegen

Im Fokus der Ermittlungen stand auch das Krisenmanagement des Landkreises Ahrweiler. In der Kreisverwaltung wurde in der Flutnacht der Einsatz koordiniert. Gegen den damaligen Landrat Jürgen Pföhler und einen Mitarbeiter wurde ermittelt.

Pföhler weist über seinen Anwalt jede strafrechtliche Verantwortung zurück. Gegenüber newstime erklärte sein Verteidiger: "In Anbetracht der eindeutigen Sach- und Rechtslage standen eine Anklageerhebung und ein gerichtliches Verfahren nie zur Debatte."

Heute führt Cornelia Weigand den Landkreis als Landrätin. Auch fünf Jahre später spüre sie, wie sehr die juristische Aufarbeitung viele Menschen im Ahrtal weiterhin beschäftige.

Frage der Verantwortung noch nicht geklärt

In den Orten entstehen heute neue Häuser, Straßen werden wieder aufgebaut. Wer auf Antworten auf seinen Wiederaufbauantrag wartet, kann sich inzwischen sogar direkt an eine Behörde wenden.

Für viele Hinterbliebene bleibt aber eine andere Frage offen: Wer trägt Verantwortung für die Todesnacht im Ahrtal?

Im Garten der Familie Orth erinnert heute eine Skulptur an Johanna. Die Figur sitzt auf ihrem ehemaligen Lieblingsplatz mit Blick auf das Tal. Für ihre Eltern ist sie zum Symbol geworden – für den Verlust ihrer Tochter, aber auch für ihren Kampf um Antworten.

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