Konflikt mit China
Neue Kampfjets, aber keine Rekruten: Taiwans Armee hat ein Personalproblem
Veröffentlicht:
von Sven HaubergGalileo
Chinas Baum-Hotel: Lost Place oder Luxus-Hotel?
Videoclip • 11:30 Min • Ab 12
China erhöht den Druck auf Taiwan. Während Taipeh Milliarden in Hightech-Waffen steckt, schrumpft die Zahl derer, die all die teuren Systeme bedienen könnten. Ein Grund: Die Taiwanesen kriegen zu wenige Kinder.
Das Wichtigste in Kürze
In Taiwan sinkt die Geburtenrate, und die Bevölkerung schrumpft.
Das hat auch Auswirkungen auf die Streitkräfte des Landes, die unter einem zunehmenden Nachwuchsproblem leiden.
Experten schlagen mehrere mögliche Lösungen vor, unter anderem den Einsatz von unbemannten Waffensystemen.
Lange hatte Taiwan auf die Kampfjets gewartet. In der vergangenen Woche kamen sie schließlich auf einem Luftwaffenstützpunkt im Osten des Inselstaats an: zwei Maschinen vom Typ F-16V Block 70 des US-Herstellers Lockheed Martin. Sie sollen helfen, die taiwanische Luftverteidigung zu stärken. 2019 hatte die Regierung in Taipeh 66 der hochmodernen Jets geordert, dass nach monatelanger Verzögerung nun immerhin zwei Stück ausgeliefert wurden, bezeichnete Präsident Lai Ching-te als "wichtige Entwicklung". Insgesamt acht Milliarden US-Dollar sollen die 66 Maschinen kosten.
Taiwan rüstet auf, seit Jahren schon. Denn die Bedrohung durch China, das den demokratisch regierten Inselstaat als Teil seines eigenen Staatsgebiets betrachtet, wird nicht kleiner. Im Gegenteil: Täglich sendet Peking Kampfjets und Kriegsschiffe in die Nähe der Insel, hält Militärmanöver in der Region ab, greift Taiwan mit Cyberattacken und Desinformationskampagnen an.
Als Reaktion darauf soll der taiwanische Verteidigungshaushalt im kommenden Jahr um 18 Prozent steigen, auf erstmals mehr als eine Billion Taiwan-Dollar, umgerechnet etwa 28 Milliarden Euro. Unter anderem neue Drohnen und Raketen sollen so beschafft werden. Auch wenn nicht klar ist, wann China angreift oder ob es tatsächlich eine großangelegte Attacke plant: Taiwan will vorbereitet sein auf den Ernstfall.
Auch in den News:
Konflikt mit China: Taiwan hat immer weniger Soldaten
Was sich mit viel Geld allerdings nicht lösen lässt, ist ein Problem, vor dem Taiwan schon seit Längerem steht und das sich zunehmend verschärft: Dem Land gehen die Kinder aus – und damit auch die potenziellen Soldaten. Denn irgendjemand muss all die teuren Hightech-Waffen, mit denen das Land China von einem Angriff abschrecken will, schließlich bedienen. Anfang vergangenen Jahres hatte Taiwan nur gut 152.000 Soldaten, vier Jahre zuvor waren es noch knapp 165.000. In den 80ern standen sogar rund 600.000 Männer unter Waffen.
Der Rückgang liegt einerseits daran, dass die Regierung die Dauer des Wehrdienstes über Jahre immer weiter heruntergeschraubt und erst 2024 wieder auf ein Jahr erhöht hat. Zum anderen ist auch die niedrige Geburtenrate im Land – die niedrigste weltweit – für den Rückgang bei der Mannschaftsstärke verantwortlich. Im Schnitt bringt in Taiwan jede Frau nur 0,69 Kinder zur Welt.
Laut der Kommission für Landesentwicklung leben in Taiwan aktuell 23 Millionen Menschen, im Jahr 2045 sollen es einer vor wenigen Wochen veröffentlichten Prognose zufolge nur noch 20 Millionen sein. Für das Jahr 2075 geht die Kommission von nur gut zwölf Millionen Taiwaner:innen aus. Schon heute sind mehr als 20 Prozent der Menschen 65 Jahre oder älter, das Land gilt damit nach UN-Definition als "überalterte Gesellschaft".
Taiwans Regierung will die Menschen zum Kinderkriegen animieren
Die Gründe für den Geburtenrückgang sind in Taiwan ähnlich wie in den meisten Industrienationen: Die Wohn- und Lebenshaltungskosten sind hoch, Beruf und Familie schwer vereinbar, zudem wird ein Leben ohne Kinder zunehmend gesellschaftlich akzeptiert. Besonders an der Situation in Taiwan ist zudem, dass nur sehr wenige Kinder außerhalb der Ehe geboren werden und die Menschen gleichzeitig immer später heiraten beziehungsweise auf den Gang vors Standesamt gleich ganz verzichten. Weniger als vier Prozent aller Kinder kommen in Taiwan außerhalb einer Ehe zur Welt, in Deutschland sind es rund 33 Prozent.
Zwar versucht die Regierung, die Menschen mit finanziellen Anreizen zum Kinderkriegen zu bewegen; Anfang des Jahres trat ein Gesetz in Kraft, das Eltern mit umgerechnet rund 2.700 Euro für jedes Neugeborene unterstützt. "Aber staatliche Anreize zeigen in der Regel keine Wirkung", sagt der Ostasien-Experte Raymond Kuo vom Chicago Council on Global Affairs gegenüber :newstime. "Finanzielle 'Zuschüsse' decken beispielsweise die Kinderbetreuungskosten selten vollständig ab und gleichen Einkommensverluste sowie eingeschränkte Karrierechancen nicht aus."
Eine Folge dieser Entwicklung: Im Jahr 2023 fiel die Zahl der Männer, die ins wehrfähige Alter kamen, erstmals unter die Marke von 100.000; im kommenden Jahr könnten es einer Prognose zufolge nur noch 77.000 sein. Zuletzt waren im taiwanischen Militär nur 80 Prozent aller Stellen besetzt. Bereits 2006 bezeichnete die Regierung die niedrige Geburtenrate als Gefahr für die nationale Sicherheit.
Mehr Freiwillige, mehr Drohnen: So will Taiwan sein Personalproblem lösen
Eine Lösung wäre es, mehr Freiwillige anzuwerben. So könnte der Rückgang der Wehrpflichtigen zumindest zum Teil ausgeglichen werden. Aber auch in der freien Wirtschaft bleiben wegen des Geburtenrückgangs Stellen zunehmend unbesetzt. Dort zu arbeiten, gilt als attraktiver, nicht zuletzt, weil die Löhne oftmals höher sind als der Sold, den das Militär bezahlt. "Angesichts der niedrigen Gehälter und des relativ geringen sozialen Status ist der Eintritt in die Armee nicht sehr beliebt", sagt Kuo. Seit Jahren schreiben sich an Militärakademien und -hochschulen weniger Menschen ein als von der Regierung erhofft.
Experten wie Kuo schlagen zudem vor, dass Taiwan vermehrt auf unbemannte Waffensysteme setzt. "Drohnen haben sich in der Ukraine als ziemlich effektiv erwiesen, und ich könnte mir vorstellen, dass sie in einem Konflikt in der Taiwanstraße in einer defensiven Rolle sogar noch effektiver wären", sagt Kuo. "In Verbindung mit guter Zielerkennung und Schwarmalgorithmen könnten sie sich als wirksames Mittel erweisen, um Personal durch Technologie zu ersetzen." Anders als bei den jüngst ausgelieferten F-16-Jets kann ein Soldat gleich mehrere Drohnen steuern.
Tatsächlich will die taiwanesische Regierung mehr in die unbemannten Flugkörper investieren, Streit gibt es mit der Opposition derzeit allerdings über die Finanzierung. Hinzu kommt: In vielen Drohnen sind Teile aus China verbaut. Taiwan müsse deshalb ein "nicht-rotes" – also nicht-chinesisches – Zulieferernetzwerk aufbauen, fordert Kuo. Schätzungen zufolge kontrolliert die Volksrepublik rund 80 Prozent des weltweiten Marktes für zivile und militärische Drohnen. Auch die Lieferketten werden von Peking dominiert.
Frauen zum Militär?
Manche Experten fordern zudem, auch Frauen zum Dienst an der Waffe zu verpflichten. Auch der Aufbau einer Fremdenlegion nach französischem Vorbild wird bisweilen diskutiert. Das taiwanische Verteidigungsministerium hat jüngst noch eine weitere Maßnahme vorgeschlagen: Es will die Standards für Wehrpflichtige absenken. Künftig, so der Plan, sollen auch junge Männer mit Übergewicht Wehrdienst verrichten müssen, auch eine geringe Körpergröße oder Plattfüße sollen nur noch in seltenen Fällen ein Ausschlusskriterium sein. Derzeit werden Regierungsangaben zufolge im Schnitt rund 16 Prozent der Männer im wehrfähigen Alter ausgemustert. Angesichts der Bedrohung aus China kann sich Taiwan das nicht mehr leisten.
Verwendete Quellen:
Taipei Times: "Fertility rate falls to lowest globally"
Taipei Times: "Defense ministry eyeing new physical standards"
The Diplomat: "Taiwan’s Aging Society Poses a National Security Threat"
National Development Council: "國發會發布「中華民國人口推估(2026年至2075年)」"
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