Vielfältige Gründe

Deutschland schrumpft: Größtes Geburtendefizit seit der Nachkriegszeit

Veröffentlicht:

von Marie-Finn Bruker

:newstime

Deutschland am absoluten Geburten-Tiefpunkt

Videoclip • 01:04 Min • Ab 12


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So wenige Geburten wie seit 1946 nicht mehr: In Deutschland sinkt die Babyquote, wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes ergeben. Ursachen und Konsequenzen im Überblick.

Das Wichtigste in Kürze

  • 2025 sank die Zahl der Geburten in Deutschland zum vierten Mal auf ein erneutes Tief.

  • Im Osten wurden weniger Kinder geboren als im Westen, Expert:innen gehen auch künftig von einem niedrigbleibenden Niveau aus.

  • Die Gründe für den Rückgang ist laut einer Expertin für Bevölkerungsforschung komplex.

Zum vierten Mal in Folge sank 2025 die Zahl der in Deutschland geborenen Babys. Laut Statistischem Bundesamt liegt die Geburtenrate damit unter der Zahl der Sterbefälle. Es handle sich um das größte Geburtendefizit seit der Nachkriegszeit.

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Mehr Sterbefälle als Geburten

Ergebnissen des Bundesamtes zufolge wurden 2025 rund 654.300 Kinder geboren. Das sind 3,4 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Die rund 1,01 Millionen Sterbefälle im letzten Jahr liegen damit um 352.000 über der Zahl an Geburten.

Nach einer ersten Schätzung im Januar gab die Behörde bekannt: Deutschland schrumpft. Demnach lebten hierzulande zum Ende des vergangenen Jahres rund 83,5 Millionen Menschen. Das sind etwa 100.000 Personen weniger als noch am Jahresende 2024.

Dies lag nicht nur an der hohen Sterberate: Deutschland verzeichnete auch einen Rückgang der Zuwanderung. Diese kann den Geburtenrückgang folglich nicht mehr ausgleichen.

Expert:innen rechnen auch in Zukunft mit niedrigen Zahlen

"Alles deutet darauf hin, dass diese Zahl auf einem niedrigen Niveau bleibt", so eine Sprecherin des Bundesamts. Bei dem Tiefpunkt handelt es sich um keine neue Entwicklung: Abgesehen von einem Hoch im Jahr 2021 mit rund 795.000 Neugeborenen sank die Zahl zuletzt kontinuierlich. Selbst unter günstigen Annahmen werde die Zahl der Geburten nach Angaben der Bevölkerungsvorausrechnung in Deutschland wohl unter dem Niveau von 2021 bleiben.

Ein Grund dafür könnten die kleinen Geburtenjahrgänge der 90er-Jahre sein. Diese erreichen aktuell ein Alter, in dem häufig die Entscheidung für Kinder fällt.

Das Statistische Bundesamt verweist außerdem auf die niedrige Geburtenrate. Sie gibt an, wie viele Babys eine Frau im Laufe ihres Lebens im Durchschnitt bekommen würde, bei gleichbleibenden Verhältnissen wie dieses Jahr. So bekam eine Frau 2024 im Durchschnitt 1,35 Kinder. Im Juli würden neuere Zahlen für 2025 folgen.

Mecklenburg-Vorpommern mit größtem Rückgang

Im Osten Deutschlands war der Geburtenrückgang 2025 mit minus 4,5 Prozent stärker als in den westlichen Bundesländern mit minus 3,2 Prozent. Allein in Hamburg meldete das Bundesamt ein Plus von 0,5 Prozent. Den stärksten Rückgang verzeichnete Mecklenburg-Vorpommern mit minus 8,4 Prozent.

Die Geburtenstruktur in Deutschland blieb dabei stabil: Bei 46,6 Prozent aller geborenen Babys handelte es sich um Erstgeborene, 34,8 Prozent bilden die zweiten Kinder, das Schlusslicht bilden alle dritten oder weiteren Kinder mit 18,6 Prozent.

Auch in einigen anderen Ländern in Europa gab es nach vorläufigen Ergebnissen 2025 weniger Neugeborene, so etwa in Frankreich, Österreich, Italien und Schweden. Stabil bleibe das Niveau laut Bundesamt in Spanien, den Niederlanden sowie Finnland.

Geburtenrückgang mit Konsequenzen

Katharina Spieß, Direktorin am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, erklärt, die Gründe dieser rückläufigen Geburten seien komplex. Neben Faktoren wie dem demografischen Wandel oder wirtschaftlicher Unsicherheit nennt die Professorin auch hohe Wohnkosten und die zahlreichen Krisen auf der Welt: "Da kommt gerade sehr viel zusammen."

Paare wünschten sich laut der Expertin mehr Kinder, als sie tatsächlich bekämen: Befragungen zufolge liege der Kinderwunsch bei Männern (1,74) als auch bei Frauen (1,76) über der Geburtenrate.

Dieser Entwicklung müssten Konsequenzen folgen, so Spieß. Die heute fehlenden Kinder fehlten in 20 bis 30 Jahren auch als Erwachsene – was wieder weniger Kinder bedeute: ein Problem für die Zukunft sozialer Sicherungssysteme und der Fachkräftesituation.

Künftig müsse etwa die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert werden, inklusive des Ausbaus einer verlässlichen Kindertagesbetreuung.


Etwas weniger Schwangerschaftsabbrüche

Auch bezüglich Schwangerschaftsabbrüchen veröffentlichte das Statistische Bundesamt neue Zahlen. Diese bleiben im Vergleich zum Vorjahr einigermaßen stabil, mit einem Rückgang von 0,7 Prozent bei 106.000 Eingriffen, überwiegend ambulant.

Rund 86 Prozent der Abbrüche wurden in Arztpraxen oder OP-Zentren durchgeführt, zwölf Prozent ambulant im Krankenhaus. Zudem wurden 2025 erstmals mehr Abtreibungen medikamentös im Gegensatz zu einer OP durchgeführt.

Bei den Schwangerschaftsabbrüchen waren etwa sieben von zehn Frauen zwischen 18 und 34 Jahre alt, 20 Prozent waren im Alter von 35 bis 39 Jahren, nur neun Prozent waren 40 Jahre und älter. Weniger als die Hälfte der Frauen, 44 Prozent, hatten zuvor noch kein Kind zur Welt gebracht.


Verwendete Quellen:

Nachrichtenagentur dpa

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