Droht ein Zweifronten-Krieg?

Wenn China Taiwan angreift, könnte auch Kim Jong-un zuschlagen

Veröffentlicht:

von Sven Hauberg

:newstime

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Ein Krieg um Taiwan würde die USA militärisch stark beanspruchen. Nordkorea könnte die Gelegenheit nutzen, um Südkorea mit Angriffen oder Provokationen unter Druck zu setzen, glauben Experten.

Das Wichtigste in Kürze

  • China will sich Taiwan einverleiben, notfalls mit militärischer Gewalt.

  • Experten glauben: Sollte es so weit kommen, könnte Nordkorea eine zweite Front aufmachen.

  • Das Ziel von Diktator Kim Jong-un: die USA abzulenken, um China den Rücken zu stärken.

Im vergangenen Jahr skizzierte NATO-Generalsekretär Mark Rutte ein düsteres Szenario: Sollte China einen Angriff auf Taiwan starten, könnte der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping den russischen Präsidenten Wladimir Putin bitten, in Europa eine zweite Front aufzumachen.

"Wenn Xi Jinping Taiwan angreifen würde, würde er zunächst sicherstellen, dass er seinen Juniorpartner, Wladimir Wladimirowitsch Putin, der in Moskau residiert, anruft und ihm sagt: 'Hey, ich werde das tun, und ich brauche dich, damit du sie in Europa auf Trab hältst, indem du NATO-Gebiet angreifst'", sagte Rutte damals in einem Interview mit der "New York Times".

Denkbar ist aber auch ein anderes Zweifronten-Szenario: eines, in dem nicht Wladimir Putin die entscheidende Rolle zukommt, sondern dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un.

Der Analyst Benjamin Sando glaubt, dass Kim seinen Verbündeten in Peking bei einem Konflikt um Taiwan zur Seite stehen könnte, indem er einen Angriff auf Südkorea startet. Ziel sei es, die USA "abzulenken", schreibt Sando in einem Beitrag für die Denkfabrik Global Taiwan Institute.

Washington ist der wichtigste Unterstützer Taiwans und beliefert das Land seit Jahrzehnten mit Waffen zur Verteidigung. Die USA haben zudem in Südkorea rund 28.500 Soldat:innen stationiert, deren Aufgabe die Verteidigung des Landes gegen einen möglichen Angriff des Nordens ist.

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Kim könnte vor allem dann eine zweite Front gegen den Süden aufmachen, "wenn es so aussähe, als drohe Peking eine Niederlage", so Sando. Eine Niederlage in einem Krieg um Taiwan könnte die Kommunistische Partei zu Fall bringen, Nordkorea würde dadurch einen seiner wichtigsten Verbündeten verlieren. "Es ist anzunehmen, dass Kim Jong-un alles in seiner Macht Stehende tun würde – einschließlich eines opportunistischen Angriffs auf den Süden –, um dieses Szenario abzuwenden", schreibt Sando.

China betrachtet Taiwan als Teil des eigenen Staatsgebiets und droht damit, sich den demokratisch regierten Inselstaat mit militärischer Gewalt einzuverleiben. Peking bevorzugt zwar eine friedliche Lösung der sogenannten "Taiwan-Frage", allerdings kann sich nur ein sehr kleiner Teil der taiwanischen Bevölkerung vorstellen, dass ihr Land Teil der kommunistischen Volksrepublik wird. Peking erhöht deshalb seit Jahren den Druck auf das Land und seine Bevölkerung – militärisch, aber auch durch Cyberangriffe und Desinformationskampagnen. China müsse "das große Ziel der Wiedervereinigung des Mutterlandes vorantreiben", erklärte Xi vor wenigen Tagen in einer Rede zum chinesischen Nationalfeiertag.

Ob China sich tatsächlich zu einem Angriff auf Taiwan entscheidet, ist unklar. Oftmals genannt wird in der Debatte das Jahr 2027 – wenn Chinas Volksbefreiungsarmee den 100. Jahrestag ihrer Gründung feiert. Bis dahin will Peking nach Einschätzung von US-Experten militärisch zu einem Angriff in der Lage sein. Zuletzt sagten mehrere US-Regierungsbeamte der Nachrichtenagentur Reuters, dass ein Angriff im kommenden Jahr allerdings unwahrscheinlich sei, unter anderem, weil das Militär aufgrund einer andauernden Antikorruptionskampagne derzeit dazu nicht in der Lage sei.

Experte: Kim Jong-un wird sich "mit Sicherheit an die Seite Chinas stellen"

Sollte es eines Tages aber so weit kommen, würde sich das Regime von Diktator Kim Jong-un "mit Sicherheit an die Seite Chinas stellen", sagte der Nordkorea-Experte Lee Sung-yoon vom Sejong Institute, einer Denkfabrik in Seoul, gegenüber :newstime. Einen großangelegten Angriff auf Südkorea – mit dem sich der Norden seit dem Korea-Krieg (1950-1953) noch immer im Kriegszustand befindet – hält er zwar für unwahrscheinlich. Möglich sei aber, dass Kim "Scharmützel" startet, um Südkorea und die USA zu beschäftigen: kleinere, möglicherweise auch tödliche Angriffe entlang der gemeinsamen Grenze oder zur See, unterhalb der Schwelle eines Krieges.

Auch in dem von NATO-Generalsekretär Rutte skizzierten Zweifronten-Szenario könnte Nordkorea eine Rolle spielen, glaubt der südkoreanische Analyst Kim Ju-hyung. "Ein gleichzeitiges Krisenszenario – eine militärische Invasion Taiwans durch China und eine Ausweitung des Konflikts in Europa durch Russland – würde die verfügbaren Streitkräfte der USA einer beispiellosen Belastung aussetzen", schreibt Kim in einem Beitrag für die US-Denkfabrik Stimson Center. Die USA würden in der Folge Truppen aus Südkorea abziehen und nach Taiwan verlegen. Das mache Südkorea verwundbarer für Angriffe aus Nordkorea.

Kim Jong-un stellt sich an die Seite Chinas

Nordkorea-Experte Lee hält es indes für am wahrscheinlichsten, dass Kim seinen Verbündeten Xi Jinping anderweitig unterstützt. "Nordkorea verfügt sicherlich über einen Notfallplan, eine Reihe möglicher Maßnahmen, deren Umsetzung im Falle einer tatsächlichen Krise in Taiwan in Betracht gezogen würde", sagt Lee.

Möglich sei es, dass Kim Truppen in den Kampf schickt – so wie er das bereits im Ukraine-Krieg tut, wo Tausende nordkoreanische Soldaten auf der Seite Russlands kämpfen. Auch könnte Kim Waffen und Munition an China liefern sowie Cyberangriffe auf Taiwan durchführen. Als Gegenleistung erhoffe sich Kim nicht nur finanzielle Unterstützung für sein weitgehend isoliertes und in großen Teilen bettelarmes Land. Kim gehe es auch darum, "sein internationales Standing und das seines Landes durch den gemeinsamen Kampf an der Seite Chinas zu stärken", glaubt Lee.

Zumindest rhetorisch hat sich Kim bereits deutlich hinter seine chinesischen Verbündeten gestellt. Bei einem Besuch von Xi Jinping in Pjöngjang im Juni versicherte der Diktator seinem Gast, Nordkorea werde Pekings "Kerninteressen" verteidigen – "egal, wie sich die Situation verändert".


Verwendete Quellen:

New York Times: "The Interview: Mark Rutte, the Head of NATO, Thinks President Trump 'Deserves All the Praise'"

Xinhua: "习近平:在庆祝中华人民共和国成立77周年招待会上的讲话"

Reuters: "US sees Chinese invasion of Taiwan unlikely next year despite 2027 timeline, sources say"

Global Taiwan Institute: "How Can US Forces Korea Help Deter Both North Korea and China?"

Stimson Center: "How South Korea Might Fight a North Korean Invasion in a Dual-Contingency Scenario"

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