Straße von Malakka

Indiens umstrittenes Milliardenprojekt, das China nervös macht

Veröffentlicht:

von Sven Hauberg

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Wieder Streit um Straße von Hormus (9. August)

Videoclip • 01:49 Min • Ab 12


Auf der indischen Insel Groß Nikobar entsteht ein gigantisches Infrastrukturprojekt. Peking sieht darin weit mehr als ein wirtschaftliches Vorhaben: Indien könnte damit einen strategischen Hebel über Chinas wichtigste Handelsroute gewinnen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Indien plant eine neue Militärbasis auf einer abgelegenen Insel – am Ausgang der wichtigen Straße von Malakka.

  • Indiens Rivale China ist alarmiert und spricht vom "Malakka-Dilemma".

  • Auch innerhalb Indiens ist das Projekt umstritten.

Geschlossen, geöffnet, dann wieder dicht: Das Hin und Her um die Straße von Hormus, die der Iran seit Monaten nach Belieben sperrt und wieder freigibt, hat der Welt schmerzhaft vor Augen geführt, welche Bedeutung die maritimen Nadelöhre der Weltwirtschaft haben. Seit Teheran die Meerenge als Druckmittel im Konflikt mit den USA nutzt, sind die Ölpreise in die Höhe geschossen, in Deutschland ist das ohnehin schon minimale Wirtschaftswachstum gefährdet.

Noch dramatischere Folgen als eine Sperrung der Straße von Hormus dürfte es haben, wenn eine andere Meerenge auf einmal nicht mehr passierbar wäre: die Straße von Malakka, die das Südchinesische Meer mit dem Indischen Ozean verbindet.

Durch diese Meerenge wird mehr Öl verschifft als durch die Straße von Hormus, außerdem Gas und andere Rohstoffe sowie Waren aus chinesischen Fabriken für die Märkte in Europa und, in umgekehrter Richtung, europäische Güter für chinesische Verbraucher:innen. Laut einer vor kurzem veröffentlichten Studie der US-Denkfabrik CSIS passierten im Jahr 2024 Güter im Wert von 2,4 Billionen US-Dollar die Straße von Malakka.

Vor allem China ist auf den freien Warenverkehr durch die Meerenge angewiesen, die zwischen der Malaiischen Halbinsel und der indonesischen Insel Sumatra liegt und an ihrer engsten Stelle weniger als drei Kilometer breit ist. Laut der CSIS-Studie passieren 21 Prozent der chinesischen Importe und 14 Prozent der chinesischen Exporte die Meerenge.

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"Indiens Hegemonieambitionen liegen offen zutage"

Peking blickt deshalb derzeit besorgt auf ein Bauprojekt auf einer abgelegenen indischen Insel: Auf Groß Nikobar, die am nordwestlichen Ende der Straße von Malakka liegt, plant die Regierung in Neu-Delhi eine große Militärbasis. Die Befürchtung in China: Dauerrivale Indien könnte von hier aus die Kontrolle über die Straße von Malakka an sich reißen – und die Meerenge sogar sperren.

"Vor dem Hintergrund der instabilen Lage in der Straße von Hormus und der anhaltenden Eskalation geopolitischer Konflikte im Nahen Osten versucht Indien mit diesem Projekt, die vollständige Kontrolle über die gesamte Energieversorgungskette zwischen dem Nahen Osten und der Straße von Malakka zu erlangen", schrieb vor Kurzem eine chinesische Militärwebsite. "Indiens Hegemonieambitionen, wonach 'der Indische Ozean Indiens Indischer Ozean ist', liegen damit offen zutage."

Indien und China sind seit Jahrzehnten geopolitische Rivalen, vor allem streiten die beiden Nachbarländer über den Verlauf der gemeinsamen Grenze im Himalaya. 1962 kam es an der Grenze zu einem kurzen Krieg zwischen den beiden Ländern, und auch in jüngerer Vergangenheit eskalierten die Spannungen mehrmals gewaltsam. 2020 etwa kamen bei Grenzscharmützeln mehrere Dutzend Menschen ums Leben.

Das "Great Nicobar Island Development Project" könnte Indien nun im Konflikt mit China einen Trumpf in die Hand geben. "Strategisch gesehen ist es entscheidend zu verstehen, dass uns dies die Möglichkeit verschafft, uns vor der Straße von Malakka zu positionieren", sagte der frühere indische Luftwaffengeneral R. K. S. Bhadauria im April der indischen Nachrichtenagentur PTI. "Unser Gesamtüberblick über das Geschehen, sowohl in der Luft als auch auf See, wird dadurch erheblich verbessert."

Tanker im chinesischen Qingdao: Chinas Ölversorgung hängt an der Straße von Malakka.

Bild: CFOTO


Groß-Nikobar-Projekt verbindet Wirtschaft und Geopolitik

Ob Indien auch den ultimativen Schritt einer Sperrung der Straße gehen würde, ist unklar. Expert:innen weisen darauf hin, dass Indien China militärisch deutlich unterlegen ist, vor allem im Bereich der Marine. Nach Zahlen verfügt Peking über die größte Marine der Welt.

Das Projekt auf Groß Nikobar sieht den Bau eines Umschlaghafens, eines neuen Flughafens sowie einer Stadt für mehrere Hunderttausend Menschen vor. Geplant ist ein Großprojekt, das militärische und zivile Nutzung verbindet.

"Das Projekt ist eine geoökonomische Initiative und dient sowohl geopolitischen als auch wirtschaftlichen Zielen", sagte der Ökonom Amitendu Palit von der National University of Singapore unserer Redaktion.

"Die geopolitische Logik besteht darin, an einem strategisch wichtigen Punkt der Ost-West-Schifffahrtsroute maritime Kapazitäten aufzubauen, die bei Bedarf für Verteidigungszwecke genutzt werden können. Die wirtschaftliche Logik zielt in erster Linie darauf ab, die Abhängigkeit Indiens von externen Umschlaghäfen zu verringern und Störungen in den Lieferketten zu reduzieren." Bislang ist Indien weitgehend auf Umschlaghäfen in Singapur oder Malaysia angewiesen.

Insgesamt soll das Projekt zehn Milliarden US-Dollar kosten, fertiggestellt werden soll es 2047. Einzelne Teile könnten aber schon deutlich früher in Betrieb gehen. So will die Regierung den neuen Flughafen auf Groß Nikobar, der sowohl von zivilen Flugzeugen als auch von Kampfjets genutzt werden soll, schon in fünf Jahren eröffnen. Entstehen sollen auf der Insel auch Urlaubsanlagen mit Hotels und Casinos.

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Massive Umweltzerstörung macht Projekt umstritten

Ökonom Palit hält das Projekt für entscheidend für Indiens wirtschaftliche Zukunft. "Die Straße von Malakka ist eine wichtige Schifffahrtsroute für Indien. Es bestehen Befürchtungen, dass geopolitische Spannungen im Südchinesischen Meer – im Wesentlichen der Konflikt zwischen China und Taiwan – dazu führen könnten, dass der Schiffsverkehr im Südchinesischen Meer und in der Straße von Malakka unerwarteten Störungen ausgesetzt ist." Deshalb sei es wichtig, dass Indien seine Präsenz an der Meerenge ausbaue, so Palit.

Neu-Delhi sieht sich zudem von China umzingelt. Genauer: von Häfen unter chinesischer Kontrolle. So kontrolliert Peking den Hafen Hambantota auf Sri Lanka und den Fischereihafen im pakistanischen Gwadar. Peking plant zudem eine Verbindung von der Provinz Yunnan zu Häfen in Bangladesch. Von einer chinesischen "Perlenkette" ist in diesem Zusammenhang oft die Rede. Das Hafenprojekt auf Groß Nikobar soll Chinas Ambitionen etwas entgegensetzen. "Anstelle von Perlen baut Indien nun Diamanten", schreibt die "Times of India".

Auch wenn die indische Regierung das Projekt derzeit entschlossen vorantreibt: Es ist in Indien nicht unumstritten. Rahul Gandhi, Chef der oppositionellen Kongresspartei, sieht bei dem Milliardenprojekt die Gefahr von Vetternwirtschaft und kritisiert zudem die Auswirkungen auf die Umwelt. Bislang ist Groß Nikobar weitgehend unberührt, zudem leben hier mehrere Hundert Mitglieder des Naturvolks der Shompen. Insgesamt rund ein Fünftel der Insel soll für das Projekt entwickelt werden, riesige Flächen Regenwald müssten dafür gerodet werden.

"Was derzeit auf Groß Nicobar geschieht, ist einer der größten Betrugsfälle und eines der schwersten Verbrechen gegen das Natur- und Stammeserbe dieses Landes, die wir je erlebt haben", schrieb Gandhi im April bei einem Besuch auf der Insel auf Instagram. "Das ist nicht Entwicklung, das ist Zerstörung."


Verwendete Quellen:

CSIS: "Troubled Straits: Analyzing Trade Chokepoints in the South China Sea"

PTI: "RKS Bhadauria trashes Rahul Gandhi's 'scam' charge, backs strategic value of Great Nicobar project"

FAZ: "Indien will China im Indischen Ozean ausbremsen"

Rahul Gandhi/Instagram

military.china.com: "印度盯上马六甲海峡 地缘战略野心引发争议"

Times of India "India's Great Nicobar-Military Masterstroke And Why It Makes China Nervous"

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