Interview

Gipfel in Neu-Delhi: "China nutzt die BRICS, um seine Interessen durchzusetzen"

Veröffentlicht:

von Sven Hauberg

:newstime

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Videoclip • 01:46 Min • Ab 12


Die von China dominierten BRICS treffen sich in Neu-Delhi. Ein Experte erklärt, wie das Bündnis tickt – und warum der Westen auf der Hut sein sollte.

Das Wichtigste in Kürze

  • Am 12. und 13. September treffen sich die Staats- und Regierungschefs der BRICS-Länder in Neu-Delhi.

  • Die BRICS-Staaten, darunter China, Brasilien und Russland, eint wenig, sagt Experte Stefan Schott im Interview.

  • Der Westen sollte das Bündnis dennoch nicht unterschätzen – das geopolitische Gewicht der BRICS werde zunehmen.

Vereint gegen den Westen? Das wird den BRICS oft unterstellt. Doch die Realität sei komplizierter, sagt Stefan Schott vom Indien-Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung. Im Interview mit :newstime erklärt der Wirtschaftswissenschaftler, welche Ziele die BRICS verfolgen und was vom Gipfel in Neu-Delhi (12. und 13. September) zu erwarten ist.

BRICS ist ein Zusammenschluss aufstrebender Staaten, der ursprünglich aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika bestand. Inzwischen gehören auch Ägypten, Äthiopien, Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate und Indonesien zu dem losen Bündnis. Der Status von Saudi-Arabien als BRICS-Mitglied ist derzeit unklar.

Herr Schott, die BRICS werden oft als antiwestliches Bündnis bezeichnet. Sind sie das wirklich?

Es gibt innerhalb der BRICS zwar antiwestliche Strömungen, vor allem China und Russland haben immer wieder entsprechende Erklärungen und Initiativen auf den Weg gebracht. Aber es gibt auch eine andere Fraktion, im Wesentlichen Indien und Brasilien, die sich gegen solche Tendenzen stellen und die westlich dominierte Weltordnung zwar kritisch sehen, aber nicht umstürzen wollen. Eine von China dominierte Weltordnung wollen sie nämlich noch weniger. Eines muss man aber festhalten: Die BRICS sind vor allem ein Bündnis ohne den Westen.

Wie hat sich das seit der Erweiterung um Länder wie den Iran verändert?

Der Iran ist natürlich klar antiwestlich und wurde vor allem auf Betreiben Chinas Mitglied der BRICS. Als ausgleichendes Element und auf Betreiben von Indien und Brasilien wurden aber auch Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate aufgenommen. Also Länder, die Bündnispartner des Westens sind. Wir sehen innerhalb der BRICS also eine deutliche Trennlinie zwischen den klar antiwestlichen und den eher neutral ausgerichteten Ländern.

Eine Konfliktlinie verläuft auch zwischen China und Indien, die seit Jahrzehnten teils blutig um den Verlauf der gemeinsamen Grenze streiten.

Indien und China sind die großen Rivalen in Asien. Es geht dabei nicht nur um die ungelösten Grenzkonflikte. China arbeitet auch eng mit Indiens Erzfeind Pakistan zusammen und liefert den Pakistani moderne Waffen. Im Indischen Ozean hat China eine Reihe von Häfen unter Kontrolle, die auch militärisch genutzt werden können. Von dieser "Perlenkette" fühlt sich Indien bedroht. Mit dem Iran-Krieg ist ein noch ein weiterer BRICS-interner Konflikt hinzugekommen: zwischen dem Iran auf der einen und Saudi-Arabien und den Emiraten auf der anderen Seite.

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Was ist es, das die BRICS-Länder dennoch zusammenhält?

Die BRICS sind ein Bündnis, das sich als Interessenvertretung des globalen Südens versteht. Insbesondere China betont diesen Aspekt stark, um weitere Unterstützung bei den Ländern des globalen Südens zu finden. Viele dieser Länder fühlen sich tatsächlich unterrepräsentiert in den bestehenden multilateralen Organisationen, und sie haben das Gefühl, in ihrer Entwicklung nicht ausreichend gefördert und unterstützt zu werden.

Und die BRICS geben ihnen das Gefühl, eine Stimme zu haben?

Für diese Länder bieten die BRICS eine Möglichkeit, mit am Tisch zu sitzen, mitgestalten zu können. Oftmals sind sie ja bislang gar nicht Teil von irgendwelchen anderen Bündnissen – oder lediglich von sehr schwachen Bündnissen. Eine Mitgliedschaft oder ein Interesse an den BRICS ist aber nicht unbedingt eine Entscheidung gegen den Westen. Diese Länder sehen, dass die Welt im Umbruch ist. Dass China immer bedeutender wird und dass sich die Amerikaner teilweise aus ihrer Rolle als Weltpolizist zurückziehen.

Was folgt daraus?

Für viele Länder heißt das: Sie wollen sich für alle möglichen Entwicklungen absichern. So gesehen ist es durchaus eine rationale Strategie, bei verschiedenen Bündnissen mitzumischen. So können sie ihre Risiken managen und sich auf ein Szenario vorbereiten, in dem die Rolle Chinas noch größer wird.

Sind die BRICS nicht auch einfach ein Instrument der chinesischen Außenpolitik?

Natürlich nutzt Peking die BRICS, um seine Interessen durchzusetzen. China ist das dominierende Land innerhalb der BRICS, schon allein aufgrund seiner Wirtschaftskraft. Trotzdem hat diese Dominanz Grenzen. Denn in den BRICS muss alles im Konsens entschieden werden, und das schränkt die Möglichkeiten von China natürlich ein.

"Die Kräfte, die die BRICS zusammenhalten, sind sehr schwach"

Ein weiteres Gründungsmitglied der BRICS ist Russland. Was erhofft sich Putin von dem Bündnis?

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine hofft Moskau darauf, dass die BRICS helfen, die westlichen Sanktionen gegen Russland zu umgehen oder zumindest ihre Auswirkungen zu mindern. Russland wollte deshalb eine BRICS-Währung schaffen. So sollte die russische Wirtschaft vom Zahlungssystem Swift unabhängiger gemacht werden, das ein wesentlicher Hebel des Westens ist, um die Sanktionen durchzusetzen. Aber das Vorhaben ist gescheitert, vor allem am Widerstand Indiens und Brasiliens, die kein Interesse an einer von China dominierten Währung haben.

Was die BRICS von anderen internationalen Zusammenschlüssen unterscheidet, ist, dass sie keine wirklichen Institutionen haben – kein Hauptquartier, keinen Generalsekretär, keine Satzung.

Das stimmt. Und das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern. Dafür gibt es zu viel Misstrauen und zu viele Friktionen zwischen den BRICS-Partnern. Die BRICS sind eine Plattform für Austausch und Kooperation bei bestimmten Themen, mehr aber auch nicht. Die Kräfte, die die Mitgliedsstaaten zusammenhalten, sind tatsächlich sehr schwach.

Aus westlicher Sicht besteht also wenig Grund zur Sorge?

Das mag aktuell so sein, auf lange Sicht aber könnten die BRICS durchaus zu einem Machtfaktor werden. Das zeigt schon ein Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung. Die zehn BRICS-Länder, ohne Saudi-Arabien, hatten im Jahr 2000 zusammen ein etwa halb so großes Bruttoinlandsprodukt wie die G7. 2015 haben sie mit den G7 gleichgezogen, und 2025 war das BIP der BRICS schon 37 Prozent größer als das der G7-Länder. Und der Trend wird sich weiter fortsetzen, weil die Wachstumsraten der BRICS-Staaten größer sind als die der G7-Länder.

"Mit dem größeren wirtschaftlichen Gewicht nimmt auch das geopolitische Gewicht der BRICS zu"

Welche Folgen wird das haben?

Mit dem größeren wirtschaftlichen Gewicht nimmt auch das geopolitische Gewicht der BRICS zu. China weiß das, in Peking herrscht die Vorstellung: Der Lauf der Geschichte kommt uns entgegen, wir müssen eigentlich nur abwarten und zuschauen, wie sich Amerika weiter zurückzieht.

Mehrere Dutzend Länder haben bereits Interesse an einer BRICS-Mitgliedschaft bekundet.

Schon jetzt lebt fast die Hälfte der Weltbevölkerung in einem Mitgliedsland der BRICS. Je mehr Länder der BRICS beitreten, desto größer wird natürlich das geopolitische Gewicht des Bündnisses insgesamt. Mehr Mitglieder, das bedeutet aber auch: noch mehr unterschiedliche Interessen, die aufeinandertreffen. Gleichzeitig würden die bisherigen Mitglieder an Macht verlieren. Deshalb ist eine erneute Erweiterungsrunde derzeit offenbar nicht geplant.

Am Wochenende treffen sich die Staats- und Regierungschefs der BRICS-Länder in Neu-Delhi. Was erhofft sich Gastgeber Indien von dem Treffen?

Die Inder wollen eine wichtigere geopolitische Rolle spielen, und der BRICS-Gipfel ist dafür eine gute Bühne. Indien ist das bevölkerungsreichste Land der Erde und wird wahrscheinlich noch in diesem Jahrzehnt Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ablösen. Die Inder fliegen zum Mond, sind in IT und in anderen Bereichen führend. Zwar sind die Probleme, die Indien hat, noch gewaltig. Aber das indische Selbstbewusstsein nimmt zu, und das wird auf diesem Gipfel zu sehen sein. Indien wird aber auch dafür sorgen, dass die BRICS in Neu-Delhi nicht als antiwestliches Bündnis auftreten. Im kommenden Jahr, wenn China die BRICS- Präsidentschaft übernimmt, dürfte sich das ändern.


Verwendete Quellen:

Interview mit Stefan Schott

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