Enteignung in Russland

Wie ein dänischer Dämmstoff-Riese in Putins Klauen geriet

Aktualisiert:

von Claudia Scheele

:newstime

Putin enteignet Dämmstoff-Riesen Rockwool

Videoclip • 01:13 Min • Ab 12


Russlands Präsident Wladimir Putin hat per Dekret die Enteignung der russischen Tochter des dänischen Dämmstoffherstellers Rockwool angeordnet. Zugleich steht der Konzern in der Kritik, ein "internationaler Kriegssponsor" zu sein.

Das Wichtigste in Kürze

  • Russland hat die vier Werke der russischen Rockwool-Tochter per Putin-Dekret unter externe Verwaltung gestellt.

  • Rockwool schreibt Vermögenswerte von 469 Millionen Euro ab.

  • Die ukrainische Antikorruptionsbehörde NACP wirft Rockwool vor, über Jahre Dämmstoffe für russische Kriegsschiffe geliefert zu haben und führt den Konzern als "internationalen Kriegssponsor".

Der dänische Dämmstoffhersteller Rockwool verliert seine vier Fabriken in Russland. Nach Unternehmensangaben hat ein Dekret von Präsident Wladimir Putin angeordnet, dass eine "externe Verwaltung" die Kontrolle über die russische Tochter übernimmt. Rockwool kündigte an, die russische Einheit aus der Konzernbilanz zu entfernen und Vermögenswerte mit einem Buchwert von 469 Millionen Euro zum Ende des vergangenen Geschäftsjahres vollständig abzuschreiben.

Die russische Tochter hatte demnach im vergangenen Jahr einen Umsatz von 261 Millionen Euro und einen Gewinn vor Steuern und Zinsen von 78 Millionen Euro erzielt. In Russland beschäftigt Rockwool rund 1.200 Angestellte, etwa zehn Prozent der weltweiten Belegschaft.

Ukraine wirft Rockwool Unterstützung russischer Kriegsschiffe vor

Die Enteignung trifft ein Unternehmen, das bereits zuvor im Fokus stand. Die Nationale Korruptionsbekämpfungsagentur der Ukraine (NACP) hatte Rockwool 2023 in ihre Liste der "internationalen Kriegssponsoren" aufgenommen. In einer Mitteilung erklärte die Behörde laut der Nachrichtenagentur Ukrinform:

Nach Recherchen der NACP sollen Rockwool-Produkte beim Bau und bei der Reparatur von Kriegsschiffen der russischen Marine eingesetzt worden sein – darunter Einheiten der Schwarzmeerflotte in Sewastopol, der Baltischen Flotte, der Nordflotte in Murmansk und der Pazifikflotte. Seit der Annexion der Krim 2014 seien über Zwischenhändler Dämmstoffe für mindestens 31 Schiffe und U-Boote der russischen Marine geliefert worden, heißt es. Die NACP spricht von mindestens 52 Verträgen im Gesamtwert von mehr als 329 Millionen Rubel zwischen Rockwool-Distributoren und dem russischen Verteidigungsministerium.


Rockwool rechtfertigte Verbleib in Russland

Rockwool ist seit 1995 in Russland aktiv und betreibt vier Werke in Balaschicha (Region Moskau), Wyborg (Region Leningrad), Troizk (Region Tscheljabinsk) und in der Sonderwirtschaftszone Alabuga in Tatarstan. Der Konzern verteidigte lange seine Entscheidung, in Russland zu bleiben – trotz des Angriffskriegs gegen die Ukraine. In einem Statement begründete Rockwool dies damit, dass der Verbleib im Land die "am wenigsten schlechte Option" sei. Man halte sich an alle internationalen Sanktionen, hieß es, und es sei "ethischer", die Profite aus den Werken selbst zu verwalten, als sie "in russische Hände fallen zu lassen".

Gleichzeitig argumentierte das Unternehmen mit Verantwortung für die 1.200 Beschäftigten vor Ort. Rockwool betonte, man exportiere keine in Russland produzierten Steinwoll-Dämmstoffe mehr ins Ausland. Laut Daten, auf die sich die NACP stützt, erzielten die russischen Rockwool-Gesellschaften 2022 zusammen Hunderte Millionen Dollar Umsatz und zahlten Millionenbeträge an Einkommensteuer in den russischen Staatshaushalt.

Teil einer größeren Enteignungswelle

Die Enteignung von Rockwool reiht sich ein in eine Serie von Maßnahmen gegen ausländische Konzerne, die in Russland tätig sind. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 haben sich Hunderte westliche Unternehmen aus Russland zurückgezogen oder ihre Geschäfte verkauft. Der Kreml reagierte wiederholt mit der Übernahme von Vermögenswerten. 2023 wurden etwa das Russland-Geschäft des französischen Lebensmittelkonzerns Danone, der dänischen Brauerei Carlsberg sowie des deutschen Energiekonzerns Uniper unter staatliche Kontrolle gestellt.

Für Rockwool bedeutet das Dekret nun den vollständigen Verlust der operativen Kontrolle über die russischen Werke. Die Produktion läuft wahrscheinlich weiter – jedoch unter russischer Verwaltung und ohne Einfluss des dänischen Mutterkonzerns. Finanzielle Entschädigungen sind nicht absehbar. Die Abschreibung von 469 Millionen Euro zeigt, dass Rockwool intern bereits von einem Totalverlust dieser Vermögenswerte ausgeht.


Verwendete Quellen:

Ukrinform: "Ukraine designates Rockwool as international war sponsor"

t-online: "Putin-Regime enteignet dänischen Dämmstoff-Konzern"

Mehr entdecken