Entstehung, Herausforderungen, Kritik
Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft: Was ist Verdi und was fordert sie?
Aktualisiert:
von Franziska HursachDie Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft macht es sich zur Aufgabe, die Interessen ihrer rund 1,9 Millionen Mitglieder zu vertreten.
Bild: Sebastian Willnow/dpa
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Vielen Menschen sind die Szenen aus den Nachrichten bekannt: Verdi ruft zum Streik auf und Hunderte Mitglieder gehen auf die Straße und fordern eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen. Hinter dem Namen Verdi steckt die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft. Doch was ist das eigentlich und wofür setzt sich die Gewerkschaft ein?
Was ist Verdi?
Bei der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (kurz Verdi, Eigenschreibweise ver.di) handelt es sich um eine deutsche Gewerkschaft. Eine Gewerkschaft ist ein Zusammenschluss von Arbeitnehmer:innen. Sie setzt sich für die Interessen der Arbeitnehmer:innen ein und verhandelt diese mit den Arbeitgeber:innen. Sie informiert ihre Mitglieder außerdem über ihre Grundrechte im Betrieb und handelt Tarifverträge aus. Um die Interessen der Arbeitnehmer:innen durchzusetzen, kommt es häufig zu Streiks und kollektiven Arbeitsniederlegungen.
Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft hat ihren Sitz in Berlin. Seit 2019 fungiert Frank Werneke als Vorsitzender von Verdi. Mit knapp 2 Millionen Mitgliedern (Stand: 2024) ist Verdi die zweitgrößte Gewerkschaft in Deutschland. Auf Platz eins ist die IG Metall mit rund 2,2 Millionen Mitgliedern. Als Gewerkschaft gehört Verdi dem Deutschen Gewerkschaftsbund, einem Dachverband von Einzelgewerkschaften in Deutschland, an. Verdi vertritt laut eigenen Angaben Mitglieder aus rund 1.000 verschiedenen Berufen. Dazu gehören unter anderem Arbeitnehmer:innen aus den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Forschung, Gesundheit, Kunst, Industrie, Telekommunikation und soziale Dienste.
Mit ihrer Jugendorganisation "ver.di Jugend" engagiert sich die Gewerkschaft auch für jüngere Arbeitnehmer:innen, Auszubildende, Erwerbslose, Schüler:innen und Studierende. Gemeinsam mit Fachleuten für Ausbildung und Berufseinstieg betreut die Organisation Mitglieder bis zum 28. Lebensjahr.
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So ist Verdi entstanden
Gegründet wurde die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft am 19. März 2001. Fünf eigenständige Gewerkschaften haben sich dafür zusammengeschlossen:
Deutsche Angestellten Gewerkschaft (DAG)
Deutsche Postgewerkschaft (DPG)
Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV)
IG Medien – Druck und Papier, Publizistik und Kunst (IG Medien)
Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV)
Angetrieben wurde die Vereinigung durch den deutschen Gewerkschafter und SPD-Politiker Roland Issen, der zu der Zeit der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) war und das Konkurrenzdenken zwischen den einzelnen Gewerkschaften beenden wollte. Vielmehr wollte man die einzelnen Kompetenzen bündeln und "neue Antworten auf den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft" finden.
Der Name "Verdi" soll ganz gewollt mit dem italienischen Opern-Komponisten Guiseppe Verdi (1813-1901) assoziiert werden. Der Musiker soll ein "Vorkämpfer der italienischen Freiheitsbewegung" gewesen sein, was laut der Gründungsmitglieder gut zur Gewerkschaft passen würde. Außerdem sei der Name "klangvoll" und "einprägsam".
Doch wie ist die Verdi organisiert? Bei der höchsten Behörde der Gewerkschaft handelt es sich um den sogenannten Bundeskongress. Dieser trifft sich alle vier Jahre. Bei diesem Treffen werden die Grundsätze der Gewerkschaftspolitik festgelegt. Der Bundeskongress wählt zudem den Bundesvorstand und den Gewerkschaftsrat. Der Gewerkschaftsrat kümmert sich um den jährlichen Haushalt und kontrolliert den Bundesvorstand. Er besteht aus Vertreter:innen der verschiedenen Landesbezirke, Fachbereiche sowie der Frauen, Jugend und Senioren. Die restlichen Tätigkeiten übernimmt der Bundesvorstand. Dieser ist für alles Geschäftliche und für die Vertretung nach innen und nach außen zuständig. Geografisch aufgeteilt ist die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft in Landesbezirke, Bezirke, Regionalvereine und Ortsvereine. Es gibt zehn Landesbezirke, die ganz Deutschland abdecken.
Die Verdi gliedert sich inhaltlich in fünf Fachbereiche auf:
Fachbereich A: Finanzdienste, Kommunikation und Technologie, Kultur, Ver- und Entsorgung
Fachbereich B: Öffentliche und private Dienstleistungen, Sozialversicherung und Verkehr
Fachbereich C: Gesundheit, Soziale Dienste, Bildung und Wissenschaft
Fachbereich D: Handel
Fachbereich E: Postdienste, Speditionen und Logistik
Innerhalb der Fachbereiche gibt es eine spezifische Betreuung für die jeweiligen Berufsgruppen.
Dafür setzt sich Verdi ein
Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft macht es sich zur Aufgabe, die Interessen ihrer rund 1,9 Millionen Mitglieder zu vertreten – sowohl in wirtschaftlichen, sozialen als auch beruflichen Fragen. Die Grundsätze ihrer Gewerkschaft legt die Verdi in einer Grundsatzerklärung fest. Demnach engagiere man sich für "menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen, materielle Sicherheit und gesellschaftliche Teilhabe". Man setze sich für gleiche Teilhabemöglichkeiten von Frauen und Männern ein und kämpfe gegen jegliche Form von Diskriminierung und Rassismus. "Unsere Werte, Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Solidarität leiten unser Handeln", heißt es in der Grundsatzerklärung der Gewerkschaft.
Tarifpolitik
Verdi will für ihre Mitglieder gute Arbeitsbedingungen und Tarifverträge schaffen. Dafür vertritt sie diese in Tarifverhandlungen. Auch kann es zu Arbeitskampf und Streik kommen.
Sozialpolitik und Sozialversicherung
Neben einer gerechten Tarifpolitik ist auch soziale Gerechtigkeit ein wichtiges Ziel der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft. Um Chancengleichheit zu fördern, hat die Verdi eine Abteilung mit dem Namen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.
Leistungen für Mitglieder
Für ein Prozent ihres monatlichen Bruttoverdienstes bzw. ihrer monatlichen Ausbildungsvergütung erhalten die Mitglieder Informationen über ihre Rechte und Unterstützung bei Gehaltsverhandlungen und Lohnerhöhungen. Auch steht die Gewerkschaft den Arbeitnehmer:innen bei Problemen im Betrieb oder am Arbeitsplatz bei und setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen ein.
Kommt es zu einem vom Verdi organisierten Streik, zahlt die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Streikgeld an die Mitglieder, die ihre Arbeit niederlegen und bietet ihnen kostenfreien Rechtsschutz. Verdi-Mitglieder können sogar ihre Steuererklärung über die Gewerkschaft erstellen lassen. Verdi bietet Beratung zum Thema Mietrecht und Rente und bietet Informationen für Soloselbstständige und Erwerbslose. Die Gewerkschaft bietet zudem eine Zusatzversicherung für berufsbedingte Schadensfälle an.
Bildungsarbeit
Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft fördert im Rahmen der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit den Austausch zwischen Mitgliedern. Die Gewerkschaft bietet zahlreiche berufliche und allgemeine Weiterbildungen und Seminare zum Thema Arbeitsrecht, Betriebsrataufgaben und Wirtschaft- und Gesellschaftspolitik an und unterhält eine Reihe von Bildungszentren in Deutschland. Über Verdi kann auch Bildungsurlaub beantragt werden.
Aktuelle Herausforderungen für Verdi
Besonders die aktuelle Inflation und Energiekrise heizen die Stimmung bei der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft und den Tarifverhandlungen an. In der Tarifrunde 2023 fordert Verdi 10,5 Prozent mehr Einkommen, mindestens aber 500 Euro mehr für die rund 2,5 Millionen Beschäftigten des öffentlichen Dienstes von Bund und Kommunen. Auch Ausbildungsvergütungen und Praktikantenentgelte sollen angehoben werden. Verdi-Vorsitzender Frank Werneke verwies auf die "harte soziale Schieflage" und die steigenden Preise seit dem Tarifabschluss von 2020. "Die Inflationsentwicklung, Lebensmittel-, Energie- und Benzinpreise reißen tiefe Löcher in die Haushaltskassen der Beschäftigten", so Werneke. Viele Menschen wüssten nicht, wie sie ihre Familien über Wasser halten sollen und können sich Miete oder Heizkosten kaum mehr leisten.
Im Jahr 2022 widmete sich die Gewerkschaft unter anderem den Tarifverhandlungen für Sozial- und Erziehungsdienste. Mit Erfolg: Rund 330.000 Beschäftigte erhalten mehr Geld.
Für rund 160.000 Beschäftigte bei der Deutschen Post AG sollte 2023 eine Entgelterhöhung von 15 Prozent erzielt werden. Laut Angaben von Verdi sind rund 100.000 Paketbot:innen, Briefträger:innen und andere Beschäftigte der Post Mitglieder in der Gewerkschaft. Auch hier sollten in der Tarifverhandlung Vergütungen für Auszubildende erhöht werden - mit Erfolg. Das Angebot der Arbeitgeber wurde 2023 mit hoher Zustimmung angenommen. Wie die Verdi mitteilte, hatte "die Aussicht auf unbefristete Streiks die Arbeitgeber unter Druck gesetzt und zu einem verbesserten Angebot von einer hohen Einmalzahlung im April 2023, monatliche Zahlungen zum Inflationsausgleich bis März 2024 und ein tabellenwirksamer Festbetrag von 340 Euro ab April 2024 gezwungen".
Auch Ende 2023 und 2024 gingen die Streiks von Verdi weiter: Seit fast einem Jahr streiken die Mitglieder im Handel für Reallohnsteigerungen. Im ÖPNV, bei der Luftsicherheit und der Lufthansa kam es Anfang Ende 2023 und Anfang 2024 immer wieder zu Streiks. Mitte Februar und Anfang März 2024 wurden auch die Beschäftigten bei der Postbank zum Streik aufgerufen, die für eine Reallohnerhöhung kämpfen und seither mehrfach in den Warnstreik getreten sind.
Dafür wird Verdi kritisiert
Kritik erhielt Verdi bereits seit ihrer Gründung mehrfach für ihre "komplizierte Organisationsstruktur". Auch würden Fachbereiche und Bezirke mehr gegeneinander als miteinander arbeiten. In der Vergangenheit stand die Gewerkschaft außerdem in der Kritik, weil sie sich zwar für faire Bezahlung einsetzt, das aber Medienberichten zufolge nicht immer selbst im eigenen Haus verfolgt, so wie zum Beispiel bei der Bezahlung von Dienstleistern. Bestätigt ist dies allerdings nicht.
Regelmäßig werden die von Verdi organisierten Streiks als unverhältnismäßig bezeichnet. Diese legen gesamte Betriebe lahm und sorgen für erhebliche Einschränkungen.
So verurteilt der Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) Warnstreiks an Flughäfen: "Die Streikmaßnahmen von ver.di zielen ja nicht auf einen einzelnen Betrieb, sondern sie wollen das Luftverkehrssystem insgesamt treffen. Damit sind die Auswirkungen unverhältnismäßig und treffen die gesamte Volkswirtschaft. Das hat mit der Parität, die dem Streikrecht zugrunde liegt, überhaupt gar nichts mehr zu tun und geht weit über das eigentliche Maß und Mitte-Verhältnis hinaus."
Verdi will mit den Streiks Druck auf die Arbeitgeber:innen ausüben. Sie fordert kürzere Arbeitszeiten ohne Lohneinbußen, längere Ruhezeiten zwischen den Schichten und mehr Urlaubstage. Jens Meiwald findet diese Forderungen überzogen. Er vertritt im Kommunalen Arbeitgeberverband Sachsen fünf große Verkehrsbetriebe, darunter die Leipziger und Dresdner Verkehrsbetriebe und die Chemnitzer Verkehrs AG.
Bei den Tarifverhandlungen mit Verdi ist Meiwald 2024 Verhandlungsführer. "Wir kennen alle die Situation im Moment auf dem Arbeitsmarkt. Für unsere Unternehmen würde das in Summe bedeuten, dass wir über 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter benötigen würden. Deshalb lehnen wir Forderungen in diese Richtungen, die Arbeitszeitvolumen kosten, grundsätzlich ab", sagte er.
Verwendete Quellen:
wirtschaftslexikon.gabler.de: Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di)
wiwo.de: Verdi
faz.net: Wie Verdi zu ihrem Namen kam
arbeitsrechte.de: ver.di: Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft
oeffentlichen-dienst.de: TVöD Tarifverhandlungen 2023 gestartet
Verdi Homepage
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