Aktien statt Umlage
Großes Reformpaket: Was bedeutet die Kapitalrente?
Veröffentlicht:
von Joachim Vonderthann:newstime
Rentenreform kommt: Das muss man wissen
Videoclip • 02:14 Min • Ab 12
Die Bundesregierung plant die größte Rentenreform seit Jahrzehnten – und ein zentrales Element dabei ist neu: Ab 2028 soll für alle Beitragszahler:innen eine verpflichtende Kapitalrente eingeführt werden. Was Rentner:innen und Beitragszahler:innen wissen müssen.
Das Wichtigste in Kürze
Im Rahmen des von der Regierung geplanten Rentenpakets soll ab 2028 für alle gesetzlich Rentenversicherten eine verpflichtende Kapitalrente eingeführt werden.
Nach 45 Jahren Ansparzeit könnte die neue Komponente laut Kommissionsberechnungen über 770 Euro mehr Rente monatlich bringen.
Das Modell orientiert sich am schwedischen Rentensystem, das langfristig zweistellige Renditen erzielt hat, birgt aber auch Risiken bei fallenden Börsenkursen.
Das deutsche Rentensystem steht vor einem grundlegenden Wandel. Die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) 33 Empfehlungen für die künftige Alterssicherung vorgelegt – und sowohl Merz als auch Bas kündigten an, alle Vorschläge vollständig umsetzen zu wollen. Eine der weitreichendsten Änderungen: die Einführung einer obligatorischen, kapitalgedeckten Rente nach schwedischem Vorbild.
Bislang funktioniert die gesetzliche Rente in Deutschland nach dem sogenannten Umlageverfahren: Die Beiträge der heutigen Arbeitnehmer:innen finanzieren direkt die Renten der heutigen Rentner:innen. Dieses System gerät zunehmend unter Druck, weil immer weniger Beitragszahler:innen für immer mehr Rentner:innen aufkommen müssen. Derzeit kommen auf eine Altersrentner:in rechnerisch nur noch rund zwei Beitragszahler:innen – und dieses Verhältnis wird sich durch geburtenstarke Jahrgänge im Ruhestand und eine steigende Lebenserwartung weiter verschlechtern.
Zwei Prozent des Bruttogehalts fließen bei der Kapitalrente in Aktien
Die neue Kapitalrente soll das bisherige Umlageverfahren nicht ersetzen, sondern ergänzen. Ab 2028 wird für alle Versicherten ein individuelles Kapitalkonto eingerichtet. Darauf fließt schrittweise ein Zusatzbeitrag von zunächst 0,5 Prozent des Bruttoeinkommens, der jährlich steigt – bis schließlich zwei Prozent erreicht sind. Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:innen teilen sich diesen Beitrag je zur Hälfte. Zum Vergleich: Ein Beitragssatzpunkt entsprach 2025 rund 17 Milliarden Euro – der finanzielle Umfang der Reform ist also erheblich.
Das Geld wird nicht individuell angelegt, sondern zentral über einen öffentlichen Fonds verwaltet, wie NDR berichtet. Vorgesehen ist der staatliche Fonds Kenfo, dessen Portfolio mehr als 9.000 Einzelwerte in über 90 Ländern umfasst – also breit gestreut und nach Angaben der Kommission gebührenfrei. Vorbild ist das schwedische Rentensystem, in dem seit 25 Jahren ein Teil der Beiträge in Aktien fließt. Dort warf der entsprechende Fonds in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich eine zweistellige Rendite ab.
Wer profitiert – und wann?
Wer noch viele Jahre bis zur Rente hat, kann besonders stark von der Kapitalrente profitieren. Kommissionsmitglied Tabea Bucher-Koenen erklärte gegenüber dem "Spiegel": "Laut unseren Vorausberechnungen könnte der sogenannte Eckrentner im Mittel nach 20 Jahren Ansparzeitraum in der Kapitalrente auf 150 Euro mehr Rente monatlich kommen, nach 45 Jahren sogar auf über 770 Euro mehr."
Für diejenigen, die in den 2030er Jahren in Rente gehen und bis dahin kaum noch ausreichend Kapital aufbauen können, ist ein Ausgleichsmechanismus geplant: Wer ab 2032 in Rente geht, soll einen steuerfinanzierten Übergangszuschlag erhalten, damit diese Generation durch die Reform nicht schlechter gestellt wird als ohne sie.
Auch in den News:
Was passiert, wenn die Börse fällt?
Die größte Sorge vieler Menschen: Was passiert mit meiner Rente, wenn die Aktienmärkte einbrechen? Hier zeigt der Blick nach Schweden, dass das Risiko real ist – Rentenkürzungen in schlechten Börsenjahren sind dort laut NDR vorgekommen. Langfristig hat das schwedische System aber deutlich mehr Gewinne als Verluste erzeugt, und der Staat versuchte, Verlustjahre durch Steuervergünstigungen abzufedern.
Auch das Rentenniveau insgesamt soll durch die Reform stabilisiert werden. Es liegt derzeit bei 48 Prozent und würde nach aktueller Rechtslage weiter sinken. Mit der Kapitalrente rechnen Expert:innen damit, dass es bis zur Mitte des Jahrhunderts wieder auf 50 Prozent steigen könnte.
FAQ: Kapitalrente
Die bisherige gesetzliche Rente funktioniert nach dem Umlageverfahren: Wer heute arbeitet, zahlt die Renten derer, die heute im Ruhestand sind. Die neue Kapitalrente funktioniert anders – hier wird Geld auf einem individuellen Konto angespart und am Kapitalmarkt investiert. Das angesparte Kapital gehört also der Person, die eingezahlt hat, und wächst je nach Börsenentwicklung. Beide Systeme sollen künftig nebeneinander existieren.
Nein. Die Kapitalrente ist verpflichtend für alle gesetzlich Rentenversicherten – es ist kein aktives Handeln erforderlich. Die Beiträge werden automatisch vom Gehalt abgezogen und zentral über den Staatsfonds Kenfo verwaltet. Wer keine eigene Anlageentscheidung treffen möchte, muss das auch nicht: Der Fonds investiert das Geld breit gestreut in über 9.000 Wertpapiere weltweit.
Diese Frage ist im aktuellen Reformvorschlag noch nicht abschließend geklärt. Bei individuellen Kapitalkonten – wie sie im Rahmen der Kapitalrente geplant sind – ist grundsätzlich eine Vererbbarkeit oder Übertragbarkeit denkbar. Die genauen Regelungen dazu werden voraussichtlich im Rahmen der gesetzlichen Umsetzung festgelegt.
Verwendete Quellen:
Nachrichtenagentur dpa
Nachrichtenagentur Reuters
NDR: "Wie funktioniert die obligatorische gesetzliche Kapitalrente?
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