Immer weniger Zeitzeugen

Zum Holocaust-Gedenktag: Wie "Zweitzeugen" die Erinnerung erhalten sollen

Veröffentlicht:

von Michael Reimers

17:30 SAT.1 Bayern

Holocaust-Gedenken in Nürnberg: Zeitzeuge mahnt (26. Januar)

Videoclip • 01:42 Min • Ab 12


Es gibt immer weniger Holocaust-Überlebende – doch ihre Geschichten müssen weiter erzählt werden. Durch sogenannte "Zweitzeugen" soll das Erinnern bewahrt werden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Generation der Holocaust-Überlebenden stirbt langsam aus.

  • Organisationen wollen über sogenannte "Zweitzeugen" das Gedenken an die Shoa bewahren.

  • Die Zweitzeugen setzen sich aktiv mit der Lebensgeschichte der Überlebenden auseinander und betrachten sie als Menschen, nicht nur als Opfer.

Am Holocaust-Gedenktag (27. Januar) hält das Täterland inne. Rund 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs steht die Erinnerungskultur in Deutschland vor einer entscheidenden Herausforderung: Die Generation der Holocaust-Überlebenden, die jahrzehntelang ihre Erfahrungen als Zeitzeugen teilten, stirbt aus. Mit dem Tod von Margot Friedländer im vergangenen Jahr etwa verlor Deutschland eine bedeutende Stimme der Zeitzeugenschaft.

Viele noch lebende Holocaust-Überlebende sind hochbetagt und können ihre Geschichte nicht mehr persönlich erzählen. Diese Entwicklung wirft eine zentrale Frage auf: Wie kann die Erinnerung an den Holocaust bewahrt werden, wenn jene, die ihn erlebt haben, nicht mehr unter uns sind?

Wie die Erinnerung lebendig halten?

Das Bistum Mainz sucht aktiv nach neuen Wegen, um die Erinnerung lebendig zu halten. Seit 2001 organisiert das Bistum Besuche von Zeitzeugen für Schulklassen und hat dabei die Erfahrung gemacht, dass "eine persönliche Begegnung unheimlich wertvoll ist", wie Christoph Krauß, Referent für Gerechtigkeit und Frieden im Bistum Mainz, berichtet.

Da die Zahl der polnischen Zeitzeugen, mit denen das Bistum enge Kontakte pflegt, immer kleiner wird, entstand die Idee, deren Geschichten per Video aufzuzeichnen. Im vergangenen Jahr hat die Diözese ein innovatives "Zweitzeugen"-Projekt initiiert, das sich an Schüler:innen ab der neunten Klasse richtet.

Was sind "Zweitzeugen" genau?

Als "Zweitzeugen" werden Menschen bezeichnet, die:

  • den Erzählungen von Holocaust-Überlebenden zuhören

  • sich intensiv mit deren Lebensgeschichten auseinandersetzen

  • diese Erinnerungen weitertragen

"'Zweitzeugenberichte' speisen sich oft aus persönlichen Begegnungen und biografischem Material", erklärt Krauß, der für die Planung des Projekts verantwortlich ist. Aktuell arbeitet das Bistum mit den Biografien noch lebender Menschen, denn "die könne man fragen, was erzählt werden könne und was nicht".

Pädagogische Herausforderungen und Lösungen

Die Vermittlung bewegter Biografien von Holocaust-Überlebenden ist didaktisch anspruchsvoll. Das Bistum Mainz hat sich daher Unterstützung beim Verein Zweitzeugen geholt, der in Essen ansässig ist. Dieser Verein bietet schulische und außerschulische Workshops an, die Faktenwissen über die NS-Zeit mit biografischen Zugängen verbinden.

"Wir versuchen, eine Brücke zu bauen von den Holocaust-Erinnerungen zur Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen", erläutert Lena Vogel vom Verein Zweitzeugen die Methode. "Wir wollen vermitteln, was für eine Person der Zeitzeuge war, welche Charakteristika er hatte." Dabei nutzen die Projektmitarbeitenden verschiedene didaktische Methoden, um die Biografien einzurahmen und lassen die Zeitzeugen durch Audiointerviews selbst zu Wort kommen

Die "Aura der Unmittelbarkeit"

Die Geschichtswissenschaft kennt den Ansatz, wenn Zeitzeugen mündlich berichten, als "Oral History". Doch die Erzählungen der "Zweitzeugen" unterscheiden sich von denen aus erster Hand, betont Dirk Belda vom Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main. Der Didaktiker und Geschichtslehrer beschäftigt sich mit der Vermittlung der Holocaust-Geschichte im schulischen Kontext.

"Eine Person, die in einem Konzentrationslager war, hat eine Aura der Unmittelbarkeit, wenn sie von ihren Erinnerungen berichtet. Deswegen sind Zeitzeugen in der Vermittlung so wichtig", erklärt Belda. Die persönlichen Begegnungen hätten eine nachhaltige Wirkung. Bei "Zweitzeugen", seien es Ehrenamtliche oder Nachfahren von Überlebenden, damit gingen Gegenwartsbezüge und die Möglichkeit für Rückfragen verloren.

Was verliert die Gesellschaft, wenn Zeitzeugen fehlen?

Belda sieht dennoch Potenzial in der "Zweitzeugen"-Arbeit als Möglichkeit, Erinnerungen zu bewahren. Er weist darauf hin, dass Holocaust-Überlebende der Gesellschaft als moralische Autoritäten dienten und starke Stimmen für Demokratie und Pluralismus waren. Ihr Fehlen könnte dazu führen, dass für viele Menschen der Zugang zum Thema Holocaust schwieriger wird und die emotionale Verbindung zum Thema geringer ausfällt.

Menschen, nicht nur Opfer

Für Lena Vogel vom Verein Zweitzeugen ist es besonders wichtig, dass die biografische Arbeit das gesamte Leben der Zeitzeugen umfasst: "Die Personen sollen nicht nur in ihrer Rolle als Opfer begriffen werden, sondern als Menschen." Deshalb wird im "Zweitzeugen"-Projekt auch die Zeit vor und nach der Verfolgung thematisiert.

Das Bistum Mainz will das Projekt im April erstmals bei einem Zeitzeugenbesuch ausprobieren und den anwesenden Zeitzeugen vorstellen. "Wir wollen das Projekt dort den Zeitzeuginnen und -zeugen nochmals vorstellen und sie fragen, was sie davon halten", sagt Krauß. Für diesen besonderen Moment brauche es Fingerspitzengefühl, "denn dort wird ihnen die eigene Endlichkeit bewusst". In der zweiten Jahreshälfte soll das "Zweitzeugen"-Projekt dann offiziell starten.

Auch in den News:

Überlebende: "Wie kommt diese braune Suppe in die Köpfe"

Die Notwendigkeit neuer Wege des Erinnerns wird auch von anderen betont. So mahnte die Landtagspräsidentin von Hessen, Astrid Wallmann, dass mit dem Verstummen der letzten Zeitzeugen das Erinnern in eine neue Phase eintrete. "Nun ist es unsere Verpflichtung, deren Zeugnis weiterzutragen und die Erinnerung an die dunkelste Phase unserer Geschichte wachzuhalten."

Holocaust-Überlebende wie Eva Umlauf rufen dazu auf, die Demokratie zu verteidigen. Angesichts erstarkender extremistischer Strömungen fragte sie: "Mittlerweile sind drei Generationen ohne Krieg, ohne Tod und ohne Verfolgung aufgewachsen – wie kommt dann diese braune Suppe in die Köpfe?"

Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt und vor der Veröffentlichung von der Redaktion sorgfältig geprüft.


Verwendete Quellen

Nachrichtenagentur dpa

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