Ukrainischer Präsident im Interview
Selenskyj drängt bei Illner auf EU-Beitritt - und rechnet mit Trump ab
Veröffentlicht:
von Doris Neubauer:newstime
Massive Angriffe auf die Ukraine
Videoclip • 26 Sek • Ab 12
Europa statt USA? EU statt NATO? - Im Interview mit ZDF-Moderatorin Maybrit Illner betont Wolodymyr Selenskyj die Wichtigkeit Deutschlands für die Ukraine, rechnet mit den USA ab und setzt jetzt scheinbar alles auf die Karte Europa: "Das ist im Interesse der EU und der Ukraine."
Das Wichtigste in Kürze
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gibt Maybrit Illner ein Interview.
Er fordert erneut einen raschen EU-Beitritt für sein von Russland angegriffenes Land.
Sicherheitsexpert:innen sehen eine Einbindung der Ukraine im ureigenen Interesse Europas.
Maybrit Illner trifft Wolodymyr Selenskyj im Anschluss an die ersten deutsch-ukrainischen Regierungskonsultationen seit 20 Jahren, die am 14. April stattfanden, saß der ukrainische Präsident der ZDF-Moderatorin im Exklusiv-Interview gegenüber. "Der größte strategische Partner in Europa ist ganz sicher Deutschland", stellt er im Gespräch klar. Zwar wolle er die USA nicht mit der Bundesregierung vergleichen, "aber Deutschland hilft mehr heute".
Unter anderem liege das daran, dass sich die US-Regierung aktuell mehr mit dem Iran als mit der Situation in der Ukraine beschäftige So würde etwa das Patriot-Abwehrsystem langsamer als geplant kommen. "Wir haben so ein Defizit gerade, schlimmer geht es nicht mehr", zeigten sich bereits jetzt Defizite, so der ukrainische Präsident. Auch die beiden US-Chefverhandler Jared Kushner und Steve Witkoff würden mehr Zeit im Iran verbringen, gleichzeitig aber auch intensiver an ihren Beziehungen zu Russland arbeiten. "Kushner und Wittkovo sind pragmatische Jungs", hatte Selenksyi dafür eine Erklärung parat, "das einzige Problem ist, dass sie glauben, die Russen gewinnen. Sie irren sich. Es ist nicht das einzige Mal, dass sich die USA irren."
Selenskyj: "Unsere Armee und unsere Technologie werden die EU nur stärken"
Generell habe Amerika eine konstruktive Diplomatie mit Russland - anders als Europa: "Für Europa ist es schwierig, einen Platz zu finden, ich sehe keine Signale", sagt Selenskyj und fordert die europäischen Partner auf, nicht zu betteln, sondern sich stark und selbstständig zu zeigen.
Genau dazu wolle auch die Ukraine beitragen, gab er sich überzeugt und kam auf ein für die Ukraine wichtiges Thema zu sprechen: "Für die Ukraine ist es wichtig, in der EU Mitglied zu sein. (..) Die EU ist wirtschaftlich und sicherheitstechnisch besser als die NATO Zudem seien die Möglichkeiten, der NATO beizutreten, ohnehin geringer. Die Mitgliedschaft in der EU ist aber nicht nur der Wunsch der Ukraine. "Das sollte der Wunsch der EU sein: Unsere Armee und unsere Technologie werden die EU nur stärken. Das ist im Interesse der EU und der Ukraine." Die langsamen Prozesse und die Verzögerungen einer Aufnahme seitens der Staatengemeinschaft könnten aber auch nach hinten losgehen: "Wenn die EU erst in 100 Jahren stärker sein will, kann sie das verschieben um 100 Jahre."
"Partnerschaft mit der kampferprobtesten Armee Europas"
"Wenn die EU klug ist", beschleunige sie hingegen den Prozess, erläuterte die Publizistin und Grünen-Politikerin Marina Weisband. "Wir brauchen die Ukraine", war die in Kiew geborene deutsch-ukrainische Staatsbürgerin überzeugt, "hier ist ein junges Land, das seine Demokratie blutig erkämpft hat, das gerade mit Reformen sich aus Diktatur herausgekämpft hat und begeistert ist von der europäischen Idee. Und nicht zuletzt braucht die EU diese Art der Begeisterung, um aus dem bürokratischen Kram herauszukommen." Gleichzeitig zeige die Ukraine eine riesige Innovationskraft auf dem digitalen Sektor.
Auch im Bereich Drohnen sei es "in unserem genuinen Interesse, uns mit der Ukraine auszutauschen", fügte Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr in München hinzu. Das Land sei inzwischen in der Lage, "neue Waffensysteme aus dem Nichts zu schaffen". Da die Ukraine immer mehr vom Sicherheitsimporteur zum -exporteur werde, sei es aus "mit der sicherheitspolitischen Brille gesehen sinnvoll, sich mit der Ukraine zusammenzuschließen."
"In Washington ist nichts mehr zu holen für uns"
Dass die Unterstützung der Ukraine keineswegs eine "Benefizaktion" sei, habe man laut Wolfgang Ischinger von der Münchner Sicherheitskonferenz mittlerweile zu erkennen begonnen: "Wir machen eine Partnerschaft mit der am Abstand kampferprobtesten, modernsten, leistungsfähigsten Armee Europas." Deshalb handle es sich um keine "deutsch-ukrainische Spaßveranstaltung, sondern dient der Sicherheit der Ukraine und Europas." Dieses Bekenntnis fehle ihm allerdings bei vielen Erklärungen der Bundesregierung, genauso wie das Selbstbewusstsein der Europäischen Union.
"Wenn wir wieder stärker mit einer Stimme sprechen, könnten wir mit dem Fuß auch mal aufstampfen", war er überzeugt. Dass die Europäer bei den Friedensverhandlungen zum Ukraine-Krieg vor der Tür sitzen, "ist schlicht und ergreifend dämlich", missbilligte Ischinger die Haltung der US-Regierung. Schließlich müsse der Frieden nach einer Einigung auch umgesetzt werden: "Und dann möchte ich mal sehen, wie von Washington aus der Frieden umgesetzt wird, wenn die nötigen Vorkehrungen hier bei uns (...) nicht getroffen werden."
Die Position der Amerikaner zeige erneut, dass "die Trump-Administration - vorsichtig formuliert - himmelschreiend inkompetent ist", hatte Sauer eine Erklärung parat und fügte hinzu: "Wer es nach Grönland noch nicht verstanden hatte, sollte es nach Iran verstanden haben: Wir sollten uns um uns selbst kümmern. In Washington ist nichts mehr zu holen für uns."
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