Naher Osten

Neue Gefechte in Aleppo: Tausende Menschen auf der Flucht

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von Max Strumberger

Truppen der syrischen Regierung kämpfen in Suwaida an Seite sunnitischer Beduinen.

Bild: Omar Albam/AP/dpa


In der umkämpften Metropole Aleppo sind nach neuen Zusammenstößen zwischen kurdischen Kräften und Regierungseinheiten Tausende Zivilisten auf der Flucht. Besonders betroffen sind die Viertel Scheich Maksud und Aschrafija.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nach der Ausrufung militärischer Sperrzonen durch die syrische Armee ist die Lage in Aleppo erneut eskaliert.

  • In den kurdisch geprägten Vierteln Scheich Maksud und Aschrafija kam es zu Gefechten mit den SDF

  • Tausende Zivilisten ergriffen die Flucht.

In der nordsyrischen Metropole Aleppo sind nach erneuten Gefechten zwischen kurdischen Kräften und Regierungstruppen Tausende Menschen aus umkämpften Vierteln geflohen. Nach Angaben des Zivilschutzes wurden bislang 2.324 Zivilisten aus den mehrheitlich kurdisch kontrollierten Stadtteilen Scheich Maksud und Aschrafija in Sicherheit gebracht. Einsatzkräfte berichteten von chaotischen Szenen: Viele Familien hätten ihre Wohnungen überstürzt verlassen, teils nur mit dem Nötigsten. Hilfsorganisationen warnen vor einer sich zuspitzenden humanitären Lage in der seit Jahren vom Krieg gezeichneten Stadt.

Auslöser der neuen Eskalation war die Entscheidung des syrischen Militärs, Scheich Maksud und Aschrafija ab 15.00 Uhr Ortszeit zu "militärisch gesperrten Zonen" zu erklären. Zugleich wurde eine Ausgangssperre verhängt. Kurz darauf setzte gegenseitiger Beschuss zwischen Regierungseinheiten und den kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) ein, der laut lokalen Berichten bis in die Nacht anhielt. Beide Seiten machen sich gegenseitig für den Beginn der Gefechte verantwortlich. Unabhängige Bestätigungen liegen bislang nicht vor.

"Begrenzte Militäroperation" in Aleppo angekündigt

Die in Damaskus ansässige Übergangsregierung hatte zuvor eine "begrenzte Militäroperation" in Aleppo angekündigt. Sie wirft den SDF vor, von den kurdisch verwalteten Vierteln aus Wohngebiete, Verkehrswege und Einrichtungen der Sicherheitskräfte anzugreifen. Die SDF weisen diese Darstellung zurück und sprechen von "Verteidigungsmaßnahmen" gegen provokative Schritte regierungstreuer Kräfte. Beobachter sehen die Ereignisse auch als Ausdruck eines tieferliegenden Konflikts um Macht und Einfluss in Nordsyrien, der seit Jahren schwelt und wiederholt aufflammt.

Hintergrund der Spannungen ist der politische Umbruch in Syrien seit Ende 2024. Die neuen Machthaber in Damaskus streben eine stärker zentralisierte Staatsordnung an, um das vom Assad-Regime und fast 14 Jahren Bürgerkrieg zerrissene Land zu einen. Die Kurden bilden die größte ethnische Minderheit im Land und verwalten im Nordosten ein de facto autonomes Gebiet, in dem ein Großteil der Öl- und Gasreserven liegt. Diese Ressourcen gelten als strategisch wichtig für den Wiederaufbau, was den Streit um Kompetenzen und Einfluss zusätzlich verschärft.


Im März des vergangenen Jahres hatten sich die Übergangsregierung und kurdische Vertreter grundsätzlich darauf geeinigt, die autonomen Institutionen schrittweise in die staatlichen Strukturen zu integrieren. Auch die Eingliederung der kurdischen Kämpfer in die regulären Streitkräfte wurde vereinbart. Konkrete Schritte blieben jedoch aus. Eine zum Jahresende 2025 gesetzte Frist zur Ausarbeitung von Umsetzungsmechanismen verstrich ohne Ergebnis. Kurdische Politiker warnen vor einer Rückkehr zu alter Diskriminierung und pochen auf ein dezentral organisiertes Staatsmodell, das Minderheiten Garantien einräumt.

Unterdessen verschärft sich die Lage für die Bevölkerung in den betroffenen Stadtteilen. Nach Angaben der Kurden stehen Scheich Maksud und Aschrafija unter vollständiger Belagerung, die Einfuhr von Lebensmitteln und Medikamenten sei blockiert. Die SDF sprechen von anhaltendem Panzerbeschuss und Drohnenangriffen und melden mindestens sieben getötete und mehr als 50 verletzte Zivilisten seit Dienstag. Die Übergangsregierung wiederum macht die SDF für Angriffe verantwortlich, bei denen gestern drei Zivilisten getötet und 15 verletzt worden sein sollen, darunter mehrere Kinder. Unabhängige Opferzahlen sind derzeit nicht zu verifizieren.

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