Massive Proteste in Erfurt
Aktivistinnen blicken auf AfD-Parteitag zurück: "Der anstrengendste Tag meines Lebens"
Veröffentlicht:
von Marie-Finn Bruker:newstime
AfD-Bundesparteitag beendet
Videoclip • 30 Sek • Ab 12
In Erfurt versuchten am Samstag (4. Juli) tausende Protestierende, den AfD-Parteitag zu verhindern. Laut Chrupalla haben sie ihr "Störmanöver verschlafen" – wirklich? So haben zwei Aktivistinnen den Tag erlebt.
Das Wichtigste in Kürze
Zwischen 31.000 und 50.000 Protestierende waren am Wochenende des 4. Julis auf der Straße mit dem Ziel, den geplanten AfD-Parteitag zu verhindern.
Trotz zahlreicher Blockaden konnte die Versammlung wie geplant um 10 Uhr stattfinden, die AfD-Doppelspitze aus Alice Weidel und Tino Chrupalla wurde wiedergewählt.
Die Teilnehmenden der Gegendemonstration verlassen die Stadt dennoch mit einem Gefühl der Hoffnung.
Erfurt macht sich auf einen Ausnahmezustand gefasst. Für den AfD-Parteitag am 4. Juli (Samstag) hatte die Stadt Maßnahmen ergriffen: Straßen, Teile des öffentlichen Nahverkehrs und sogar Geschäfte sind an diesem Morgen dicht.
Um 10 Uhr soll der Bundesparteitag beginnen. Gegen 5 Uhr halten sich bereits 540 Delegierte der vom Verfassungsschutz als teils rechtsextrem eingestuften Partei auf dem Messegelände von Thüringens Hauptstadt auf. Tausende Menschen aus ganz Deutschland sind seit dem Vorabend in Bussen auf dem Weg nach Erfurt. Sie wollen die Versammlung der AfD mit Demonstrationen, Großkundgebungen und Blockaden verhindern.
Zwei dieser Aktivist:innen berichten im Gespräch mit :newstime von einer Spontanaktion, für die die Studentinnen aus Stuttgart und Köln in den Bus Richtung Thüringen steigen, mehrere Stunden Sitzblockade auf sich nehmen – und von dem Versuch, einen Parteitag zu verhindern.
Auch in den News:
5:30 Uhr: Sonnenaufgang mit tausend Zuschauenden
Dem Bündnis "Widersetzen" zufolge beteiligen sich an diesem Tag rund 17.000 Menschen an Straßen- und weiteren Blockaden in Erfurt. Sie rufen Parolen, singen Lieder, spielen Karten. Manche von ihnen schlafen auf den abgesperrten Straßen. Mitten in der Menschenmasse sitzt die Studentin aus Köln. Auch für sie war es eine lange Nacht. Bereits am Vorabend ist sie gemeinsam mit Gleichgesinnten in Bussen aus der Stadt Richtung Osten gefahren. Da habe sie gemerkt: "Wir versuchen gerade wirklich, für was zu kämpfen", erinnert sich die junge Frau. Ganz spontan habe sie letztendlich den Entschluss gefasst, den Weg nach Erfurt anzutreten. Für sie ist es die erste politische Blockade, geprägt von Unsicherheit, aber auch Hoffnung.
Insgesamt versammeln sich nach Angaben der Polizei rund 31.000 Menschen zu Demonstrationen, Kundgebungen und Blockaden. Den Organisationen "Widersetzen" und "Zusammenhalten" zufolge sind es sogar 50.000. Sie alle eint ein Ziel: den Bundesparteitag der AfD zu verhindern. "Das darf nicht unkommentiert so stehen gelassen werden, dass eine in Teilen rechtsextreme Partei einen demokratischen Parteitag abhält", so die Kölner Studentin. Auch deshalb sitzt sie seit 5:30 Uhr auf einer Straße, während in Erfurt die Sonne aufgeht. Es sind noch viereinhalb Stunden bis zur Versammlung der Partei, die nach der aktuellen Sonntagfrage mit bis zu 29 Prozent die stärksten Umfragewerte vorweisen kann.
7 Uhr: Aktivist:innen zwischen Angst und Mut
"Die Stimmung am Anfang war richtig toll. Es hat so Mut gemacht, zu sehen, wie viele Leute mitgemacht haben und da hingegangen sind", erinnert sich die Aktivistin aus Stuttgart. Sie war ebenfalls spontan gemeinsam mit Freund:innen angereist. Es sei ein sehr mächtiges Gefühl, dass man selbst Verantwortung gegen den "Faschismus" übernehmen könne. AfD-Chefin Weidel verordnet ihre eigene Partei im "ZDF heute"-Interview mit Dunja Hayali hingegen als "konservativ-liberal-freiheitlich".
Mehrere Stunden sitzen die Protestierenden in Erfurt. Gemeinsam mit den vielen anderen Menschen sei das Warten erträglich gewesen. "Niemand wusste, wie lange wir dasitzen. Was genau passiert, wie die Polizei so drauf ist", erzählt die Stuttgarterin weiter. Tausende Polizei- und Sicherheitsbeamte aus nahezu allen Bundesländern waren vor Ort. "Die standen da mit Vollausrüstung, Helm, Waffen, Pfefferspray. Nach gefühlt fünf Minuten haben sie dann die Wasserwerfer vorgefahren", so die Studentin aus Köln. Sie habe großen Respekt vor den Beamten gehabt, zum Einsatz von Gewalt sei es in ihrer Gruppe jedoch nicht gekommen.
Laut Polizeibericht wurden nur vereinzelt gewaltsame Ausschreitungen registriert, bei denen die Beamt:innen etwa Schlagstöcke oder Pfefferspray einsetzten. Die Verantwortlichen der Proteste berichten gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa) von einem überwiegend friedlichen Aufbegehren.
9:30 Uhr: Die AfD hat "aus Gießen und Riesa gelernt"
Um circa 9:30 Uhr gibt es Gewissheit: Trotz massiver Proteste und Blockaden kann der AfD-Parteitag auf dem Erfurter Messegelände beginnen. Für zahlreiche Aktivist:innen ist das eine Enttäuschung. "Viele sind davon ausgegangen, dass mehr passiert, dass sie mehr Wirkung haben", erzählt eine Protestierende. Dennoch, ganz überraschend sei dieser Ausgang nicht. "Die haben aus Gießen und Riesa gelernt", vermutet die Studentin aus Köln.
In den genannten Städten hatte es bereits in den vergangenen Monaten Proteste gegen Versammlungen der AfD und deren Jugendorganisation gegeben. In Riesa konnte der Parteitag erst verspätet stattfinden, auch in Gießen wurde die Zusammenkunft durch Demonstrierende erschwert.
Bei dem Parteitag in Erfurt hatten sich die Delegierten bereits um 4 Uhr an Treffpunkten weit außerhalb der Stadt versammelt. Erst sechs Stunden später sollte das Großereignis starten – mit Erfolg. "Der frühe Vogel fängt den Wurm (...) die Randalierer von der Antifa haben ihr eigenes Störmanöver verschlafen", stichelt Parteichef Chrupalla. Die "Randalierer" sehen das anders.
"Wir waren gut vorbereitet, sind früh angereist", so die Stuttgarter Aktivistin. "Die AfD hat sich nach Gießen neue Strategien überlegt. Darauf müssen wir in Zukunft reagieren." Eine weitere Mitstreiterin pflichtet ihr bei: "Wir haben denen die Nacht kaputtgemacht, dass die nicht viel schlafen und teilweise einen Tag vorher nach Erfurt anreisen mussten." Das Bündnis "Widersetzen" räumte allerdings ein, sein Hauptziel verfehlt zu haben: "Wir sind gekommen, um den AfD-Parteitag zu verhindern. Das ist uns nicht gelungen."
17:30 Uhr: "Einer der anstrengendsten Tage meines Lebens"
Am Samstagvormittag wurden die tausenden Aktivist:innen über Dörfer und Feldwege unter Polizeiaufsicht zurück in die Erfurter Innenstadt geführt. Die durch die empfundene Niederlage gedämpfte Stimmung sei spätestens dort einem Gefühl von Hoffnung gewichen. "Als wir in Erfurt angekommen sind, haben die Menschen aus ihren Häusern geschaut, haben uns gewunken, zugeschaut, manche sind mitgelaufen", erinnert sich die junge Frau aus Stuttgart. "Oft bin ich so frustriert, weil ich mich klein, hilflos und hoffnungslos fühle. Und das hat so viel Hoffnung gegeben, in Aktion treten zu können, zu sehen, wie viele Leute auch da sind."
"Am Ende war ich sehr, sehr müde. Aber es war eine mächtige Müdigkeit", erzählt eine der Aktivist:innen. Auch die Studentin aus Köln berichtet: "Es war psychisch und physisch einer der anstrengendsten Tage meines Lebens." Mehrere Stunden hatten sie in der Sonne unter Polizeiaufsicht gewartet, ohne Schlaf, ohne Gewissheit, wie es weitergeht. Warum macht man das?
"Ich will nicht, dass die nachfolgende Generation fragt: "Was war los, warum habt ihr nichts gemacht?", erklärt die Kölner Aktivistin. Ähnlich antwortet auch die Studentin aus Stuttgart. Sie sehe da für sich keine gute Perspektive. "Ich hab ja noch ganz schön viel Zeit meines Lebens vor mir." Diese wolle sie nicht unter einer Regierung, "die den menschengemachten Klimawandel leugnet", verbringen. "Ich habe Angst vor der Zukunft."
Verwendete Quellen:
Nachrichtenagentur dpa
Statsta: "Welche Partei würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre?" vom 3. Juli 2026
Berliner Zeitung: "Schlagabtausch: Dunja Hayali und Alice Weidel geraten im ZDF aneinander"
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