Andere Zeiten
Vor 9/11: So sah die Welt vor den Anschlägen in New York aus
Veröffentlicht:
von Christopher Schmitt:newstime
9/11: Der Tag, der die Welt veränderte
Videoclip • 01:35 Min • Ab 12
Schröder, Schumacher – und Putin: Vor dem 11. September 2001 war die Welt eine andere, aber nicht zwangsläufig eine bessere. Eine Reise in die Zeit vor 9/11.
Das Wichtigste in Kürze
Vor genau 25 Jahren veränderte der 11. September 2001 den Blick des Westens auf die Welt.
Viele neigen dazu, die Zeit vor den Anschlägen zu verklären, und denken an Michael Schumachers Titel oder die bahnbrechende Konsole PlayStation 2.
Dabei finden sich durchaus Parallelen zu heute: Es brodelt im Nahen Osten, der Rechtsextremismus erstarkt in Deutschland und Wladimir Putin führt Krieg.
Als das erste entführte Flugzeug am 11. September 2001 in den Nordturm des World Trade Centers rast, ist es in Deutschland 14:46 Uhr. Jeder, der alt genug war, kann sich an diesen Tag vor genau 25 Jahren erinnern – denn für den Westen bedeutete er eine tiefgreifende Zäsur. Im kollektiven Gedächtnis gibt es dementsprechend eine Welt davor und eine Welt danach.
Aber wie sah die Welt zuvor aus? Welche Namen begegnen uns auch heute noch und warum ist ein nostalgischer Blick auf diese Zeit in vielerlei Hinsicht kaum mehr als eine romantische Verklärung? Eine Zeitreise in den September 2001.
Auch in den News:
Was war los in der Popkultur?
Am 11. September führen die No Angels mit ihrem Cover des Eurythmics-Hits "There Must Be An Angel" die deutschen Single-Charts an. Die jungen Frauen wurden in der Fernsehshow "Popstars" gecastet. Unter anderem dröhnt auch Uncle Krackers Ohrwurm "Follow Me", "Eternity" von Robbie Williams oder "Angel" von Shaggy feat. Rayvon aus den Radios des Landes.
Im Kino avanciert Michael Bully Herbigs Winnetou-Parodie "Der Schuh des Manitu" zum Kassenschlager – und zu einem der erfolgreichsten deutschen Filme nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit Juli 2001 läuft die Westernkomödie in den Lichtspielhäusern, auch im September lachen noch zahlreiche Besucher:innen über Abahachi, Ranger und Co. Im September noch erfolgreicher ist jedoch "Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück" mit Renée Zellweger in der Hauptrolle. Auf Platz drei: "American Pie 2". Grundsätzlich sind Feel-Good-Filme im Kino zu dieser Zeit besonders angesagt.
Im TV angesagt sind unter anderem Harald Schmidt mit seiner gleichnamigen Late Night auf SAT.1 sowie "TV total" mit Stefan Raab auf ProSieben. In den USA werden Sitcoms wie "Friends" oder das Gangster-Epos "The Sopranos" gefeiert.
Zocker:innen vertreiben sich derweil die Zeit mit der PlayStation 2 von Sony, die sich zur meistverkauften Konsole überhaupt mausert. Inkludiert ist auch ein DVD-Player. Diese haben sich zwar längst verbreitet und lösen die Videokassette ab, günstige Massenware sind sie jedoch noch nicht.
Was ist im Sport passiert?
Einer der größten Stars des deutschen Sports heißt Michael Schumacher. Nur wenige Wochen vor dem Einsturz der Türme sichert sich der Formel-1-Fahrer im Ferrari bereits seinen vierten Weltmeistertitel.
Anfang September erlebt Fußball-Deutschland beim 1:5 gegen England in München eine der demütigsten Pleiten aller Zeiten. Der amtierende Meister heißt FC Bayern München. Im Mai hatten die Münchner mit einem Last-Minute-Ausgleich in Hamburg den Schalkern ("Meister der Herzen") die sicher geglaubte Meisterschaft entrissen. Seine Saison krönt der FCB, damals noch nicht Abonnement-Meister, mit dem Champions-League-Sieg im Finale gegen Valencia: Torwart-Idol Oliver Kahn wird im Elfmeterschießen zum Helden.
Wie sah die deutsche Polit-Landschaft aus?
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) reist über mehrere Wochen hinweg durch die neuen Bundesländer. Der Anlass ist besorgniserregend: Ausländerfeindlichkeit und rechte Gewalt prägen die politische Debatte.
Anlass für Freude gibt es für Rot-Grün jedoch auch: Seit dem 1. August 2001 können homosexuelle Paare ihre Beziehung offiziell registrieren lassen. Was für die rot-grüne Bundesregierung einen Meilenstein der Gleichstellung bedeutet, trifft in der Union auf Unverständnis – und Widerstand. Mehrere Bundesländer versuchen sogar, das Gesetz per Eilantrag zu stoppen, aber scheitern vor dem Bundesverfassungsgericht.
Ein Statement diesbezüglich setzt auch Klaus Wowereit im Sommer. Als erster Politiker in Deutschland macht der Bürgermeisterkandidat der SPD für Berlin öffentlich, dass er Männer liebt. Mitte Juni zieht er nach einem konstruktiven Misstrauensvotum gegen seinen Vorgänger, Eberhard Diepgen, ins Rathaus der Hauptstadt ein.
In einer Erklärung des Parteivorstandes verurteilt die PDS, die Vorgängerpartei der heutigen Linken, den Mauerbau. Schuldig bleibt sie allerdings eine Entschuldigung für diejenigen, die an der Grenze zwischen der ehemaligen DDR und der BRD getötet wurden.
Wie war die politische Lage im Rest der Welt?
Die USA ist gespalten: Ihr Präsident heißt George W. Bush, nachdem er sich im Vorjahr mit hauchdünnem Vorsprung gegen den Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, Al Gore, durchgesetzt hat. Die Sowjetunion ist längst zerfallen, China wird noch nicht als ebenbürtiger Gegner betrachtet: Bush zieht zu einer Zeit ins Weiße Haus ein, in der die USA als letzte verbliebene Supermacht auf dem Globus gelten.
Russland ist hingegen dabei, sich selbst neu zu erfinden. Seit einem Jahr ist der neue Präsident Wladimir Putin im Amt – und äußerte bereits Bedenken bezüglich Verbindungen zwischen militanten Islamisten und Terrorgruppen.
In Italien triumphiert Silvio Berlusconis Mitte-Rechts-Bündnis. Bereits zum zweiten Mal übernimmt der Populist das Amt des Ministerpräsidenten. Während sich die EU auf die Osterweiterung im Jahr 2004 vorbereitet, wirft die gemeinsame europäische Währung ihren Schatten voraus. Ende August wird das Design der neuen Euro-Scheine vorgestellt, mit denen ab 1. Januar 2002 bezahlt werden soll.
Als erster Pontifex überhaupt besucht Papst Johannes Paul II. eine Moschee. Bei einer Reise nach Damaskus begibt er sich auf die Spuren des Apostels Paulus und besucht das muslimische Gotteshaus. In Syrien wird er vom damals als Reformer bekannten, jungen Präsidenten Baschar-al-Assad begrüßt.
Welche Krisen prägen das Zeitgeschehen?
Eine globalpolitische Verklärung der Zeit vor 9/11 ist fehl am Platz. Im September 2001 jährt sich erstmals der Beginn der zweiten Intifada, die noch bis 2005 andauern sollte. Auslöser war im Jahr zuvor der Besuch des damaligen israelischen Oppositionsführers Ariel Scharon auf dem Jerusalemer Tempelberg. Israel wird während des Aufstands der Palästinenser:innen von zahlreichen Angriffen sowie Selbstmordanschlägen erschüttert. Israels Armee greift Ziele in den Palästinensischen Autonomiegebieten an. Diese neue Eskalation fordert tausende Menschenleben.
In Tschetschenien kämpft Russland unterdessen seit 1999 einen brutalen Krieg, um die Kontrolle über die Region zurückzuerlangen. Fortlaufende Bürgerkriege in Sierra Leone und Angola liefern erschütternde Bilder in die Wohnzimmer.
Verwendete Quellen:
Lebendiges Museum Online: "Jahreschronik 2001"
Europäische Union: "Die Geschichte der EU von 2000 bis 2009"
Historia.net: "Schlagzeilen des Jahres 2001"
Bundeszentrale für politische Bildung: "(Die) Linke"
Bundeszentrale für politische Bildung: "Vor 20 Jahren: Zweiter Tschetschenienkrieg"
InsideKino: "BOX OFFICE - DEUTSCHLAND SEPTEMBER 2001"
Brookings: "Putin and Bush in Common Cause? Russia’s View of the Terrorist Threat After September 11"
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