USA
Tennessee-Hinrichtung gescheitert: Christa Pike ist fassungslos – droht ein zweiter Versuch?
Aktualisiert:
von Emre Bölükbasi:newstime
Christa Pike bei Bewusstsein (7. Oktober)
Videoclip • 24 Sek • Ab 12
Sie überlebte die Giftspritze und erwachte aus dem Koma: Christa Pike weiß offenbar, dass ihre Hinrichtung scheiterte. Doch während Anwälte um Gnade flehen, droht das Unfassbare: Muss sie ein zweites Mal in die Hinrichtungskammer?
Das Wichtigste in Kürze
Als erste Todeskandidatin der modernen US-Geschichte hatte Christa Pike in Tennessee die vollständige Verabreichung der tödlichen Giftspritze überlebt.
Nach dem Erwachen aus dem Koma ist die 50-Jährige über das Geschehene im Bilde und laut ihren Verteidigern zutiefst erschüttert sowie wütend.
Da der Bundesstaat einen weiteren Vollstreckungsversuch nicht ausschließt, kämpfen ihre Anwälte nun vor Gericht darum, eine zweite Hinrichtung dauerhaft zu verhindern.
Christa Pike hat überlebt, was kein verurteilter Häftling in den USA je überlebt hat: die vollständige Verabreichung der vorgesehenen Hinrichtungsmedikamente. Und sie weiß es. "Sie ist sich sehr wohl bewusst, was man ihr angetan hat", erklärte ihr Anwalt Randy Spivey am Mittwoch (7. Oktober) bei einer Pressekonferenz in Nashville.
Doch das Aufwachen aus dem Koma brachte der 50-Jährigen keine Erleichterung – sondern Erschütterung. Spivey zufolge ist Pike derzeit "wütend und verwirrt" wegen all dem, was geschehen ist. Und ihre ersten Worte, nachdem sie im Krankenhaus die Augen aufschlug, offenbaren das ganze Ausmaß der Desorientierung: "Wo bin ich und wer seid ihr?", soll sie gefragt haben.
Kognitiv verwirrt, körperlich schwer verletzt
Dabei ist sie zwar bei Bewusstsein – aber weit davon entfernt, sich erholt zu haben. Ihre Anwälte beschreiben Momente, in denen sie für eine Weile "abdriftet", und bezeichnen ihren Zustand als "kognitiv immer noch sehr verwirrt". Noch bis Dienstag (6. Oktober) hatte Pike weder mit ihrem Rechtsbeistand noch mit ihrem medizinischen Betreuungsteam kommunizieren können. Sprechen kann sie nur in begrenztem Umfang.
Die körperlichen Schäden sind gravierend: Pike hat ein Blutgerinnsel in einem ihrer Arme und kann keinen ihrer Arme bewegen. Ob sie die Funktion der Gliedmaßen je wiedererlangen wird, ist nach Angaben ihrer Anwälte völlig offen. Hinzu kommt eine Lungenentzündung, und sie wird künstlich ernährt.
Dass Pike überhaupt wieder sprechen kann, war noch vor wenigen Tagen undenkbar: "Am Montagabend gingen wir davon aus, dass Christa hirntot war, und dass die lebenserhaltenden Maßnahmen am nächsten Tag abgeschaltet werden würden", schilderte Spivey. Dann kam die "große Überraschung": Sie wachte auf und begann zu sprechen.
Auch in den News:
Rund eine Woche zuvor, am 30. September, waren Pike in der Hinrichtungsstätte die zwei im Protokoll vorgesehenen Dosen des Mittels Pentobarbital injiziert worden – und dennoch lebte sie. Das Death Penalty Information Center bestätigte: Ein vergleichbarer moderner US-Fall, in dem jemand die vollständige Verabreichung der Hinrichtungsmedikamente überlebt hat, ist nicht bekannt.
Juristische Weichen werden gestellt
Vor einem Gericht in Nashville sicherte sich Pikes Verteidigung am Mittwoch einen wichtigen Zwischenerfolg: Richterin I'Ashea Myles ordnete an, sämtliche Beweismittel im Zusammenhang mit dem gescheiterten Hinrichtungsversuch zu sichern – relevant für den Fall, dass Pike einen erneuten Hinrichtungsversuch gerichtlich anfechten muss.
Denn: Eine Garantie, dass Tennessee nicht erneut versuchen wird, Pike hinzurichten, gibt es nicht. Anwalt Luke Ihnen betonte, der Staat habe keine entsprechende Zusicherung gegeben. Das ist rechtlich brisant – denn in den USA darf nur hingerichtet werden, wer den Grund seiner Bestrafung rational nachvollziehen kann. Da Pike sich ihrer gescheiterten Exekution bewusst ist, könnte Tennessee argumentieren, diese Voraussetzung sei erfüllt.
"Wie viel Leid ist genug?"
Pikes Anwälte richten eine eindringliche Botschaft an Gouverneur Bill Lee: Sie fordern, die Todesstrafe in eine lebenslange Haftstrafe ohne die Möglichkeit vorzeitiger Entlassung umzuwandeln. "Nach allem, was wir gesehen haben, ist es unvorstellbar, dass der Bundesstaat erneut versuchen würde, sie hinzurichten", so Spivey. Und er stellte die Frage, die den Fall auf eine neue moralische Ebene hebt: "Wir müssen uns fragen, wie viel Leid genug ist."
Lee hatte bereits die letzte für dieses Jahr geplante Hinrichtung in Tennessee abgesagt. Die Frage, ob ein zweiter Hinrichtungsversuch jemals stattfinden wird, bleibt damit vorerst offen – während Christa Pike, mit Handschellen und Fußfesseln gefesselt, in einem Krankenhausbett liegt und einen langen Weg der Genesung vor sich hat.
Verwendete Quellen:
Nachrichtenagentur dpa
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