Rund 100 bis 200 Elche

Naturschauspiel Elchwanderung: Deswegen lieben die Schweden das "Slow TV"

Veröffentlicht:

von Jacqueline Bittl

:newstime

Große Elchwanderung in Schweden beginnt

Videoclip • 01:32 Min • Ab 12


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Live und rund um die Uhr zeigt der öffentlich-rechtliche Sender SVT jedes Jahr im Frühling Bilder aus den Wäldern und Flüssen Schwedens. So kann man ein echtes Naturspektakel erleben, wenn Elche die Wildkameras passieren. Oft passiert aber auch gar nichts. Warum ist diese Wanderung so ein Online-Hit?

Das Wichtigste in Kürze

  • "Die große Elchwanderung" ist unbearbeitetes, werbefreies "Slow TV", das von Mitte April bis Anfang Mai live und rund um die Uhr aus Mittelschweden übertragen wird und millionenfach gestreamt wird.

  • Die Sendung schafft eine große Community, in der Zuschauer:innen jeden Elch bejubeln und sich über Naturerlebnisse austauschen – viele sehen sie als Übergangszeremonie vom Winter zum Frühling.

  • Das Format bietet ein authentisches Fenster zur Natur und wird als willkommener "Moment der Ruhe inmitten weltweiter Krisen" wahrgenommen.

Über den Bäumen erhebt sich die Sonne, eine Eisscholle gleitet den Fluss hinab, und aus dem Wald ertönen Vogelgesänge. Möglicherweise durchstreift ein Elch die Szenerie, möglicherweise durchquert er sogar den Fluss – vielleicht bekommt man minutenlang gar kein Tier zu sehen. So ähnlich präsentiert sich ein alltäglicher Tag in der schwedischen Fernsehsendung "Die große Elchwanderung" (Original: «Den stora älgvandringen») – und genau das fasziniert die Schwed:innen.

Alljährlich überträgt der Rundfunksender SVT von Mitte April bis Anfang Mai durchgehend und rund um die Uhr aus einem Naturgebiet, das sich in der Mittelschweden befindet. Entlang des Ufers des Ångermanälven, wo zahlreiche Elche während ihrer Wanderung von den Wintergebieten zu den Sommerweiden schwimmen, sind vielfältige Kameras positioniert, die das Gelände und seine Tierwelt dokumentieren – neben Elchen sind dort auch Rentiere, Birkhühner, Bären und Luchse heimisch.

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"Slow TV" in seiner reinsten Form – das Fernseh-Highlights des Jahres

Es gibt weder einen Erzähler noch Musik oder dramaturgische Elemente, und oft verstreichen Stunden ohne erkennbare Handlung. Das ist "Slow TV" in seiner reinsten Form.

Dieses verlangsamte Fernsehen erfreut sich in den skandinavischen Ländern großer Beliebtheit. Der norwegische Sender NRK präsentierte 2009 erstmalig einen solchen eher ereignisarmen Fernseh-Marathon, konkret eine siebenstündige Bahnfahrt von Bergen nach Oslo. Es folgten viele weitere vergleichbare Formate, darunter die kontinuierliche Übertragung einer über 100 Stunden andauernden Schifffahrt auf der bekannten Hurtigruten entlang der norwegischen Westküste.

In Schweden zählt die große Elchwanderung zu den Fernseh-Highlights des Jahres. Die inzwischen achte Staffel der Sendung wird millionenfach angesehen und besitzt eine beträchtliche Anhängerschaft.

Im Live-Chat zum Stream bejubeln die Zuschauer:innen jeden Elch, der sich vor die Kamera begibt – schließlich gilt der imposante Hirsch in Schweden quasi als inoffizielles Nationalsymbol. Die Nutzer:innen berichten voneinander über die weiteren beobachteten Tiere, tauschen sich aber auch beispielsweise über Naturerlebnisse aus ihrer eigenen Umgebung aus. Es gibt sogar eine große Facebook-Gruppe zum Format, in der eine Gruppe besonders aktiver Fans dem Fernsehteam alljährlich zum Sendestart Kuchen backt.

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Der Übergang zum Sommer in einem Fenster zur Natur

Die Fangemeinde der Elch-Enthusiasten ist nur ein Aspekt für den Erfolg des Formats, wie Minh-Xuan Truong von der schwedischen Universität für Landwirtschaft gegenüber SVT erläuterte. Mittels eines vierjährigen Forschungsprojekts versucht er zu ergründen, inwiefern die Fernsehsendung die Wahrnehmung und das Verhältnis der Zuschauer:innen zur Natur beeinflusst.

Nach Ansicht des Forschers betrachten viele "Die große Elchwanderung" als eine Art Übergangszeremonie vom langen und teilweise strapaziösen schwedischen Winter zur wärmeren Jahreszeit. "Es ist wie ein Aufwärmen, eine Vorbereitung darauf, wieder hinausgehen und Dinge in der Natur tun zu können", erklärte Truong.

Für jene, denen Zeit oder Gelegenheit mangelt, in den Wald zu gelangen – sei es infolge von Krankheit oder aufgrund eines belastenden Berufs- und Familienlebens –, fungiere der Stream als Fenster zur Natur, führte Truong aus. Der Gesang der Vögel, das Sausen des Windes in den Baumkronen, das langsame Tempo der Sendung: Diese Elemente unterstützen die Zuschauer:innen dabei, zur Ruhe zu kommen. Einige Zuschauer:innen spielen den Stream auch im Hintergrund ab, um dabei einzuschlafen.


Entschleunigtes Fernsehen: ein "Moment der Ruhe inmitten großer weltweiter Krisen"

Die SVT-Sendung, die weltweit kostenlos und ohne geografische Beschränkungen gestreamt werden kann, zieht heute Zuschauer:innen aus allen Teilen der Welt an. Der "Slow TV"-Trend hat auch Deutschland erreicht. Annette Hill, Professorin an der Universität Jönköping, erforscht das Phänomen des entschleunigten Fernsehens – und untersucht, weshalb es gegenwärtig so großen Zuspruch erfährt.

"Slow TV" wird vor der Ausstrahlung nicht nachbearbeitet, sondern ungekürzt und ohne Unterbrechungen durch Werbung gezeigt. Dies verleihe dem Format ein sehr authentisches Aussehen in einer Zeit von künstlicher Intelligenz und "viel Täuschung", erklärte Hill gegenüber SVT. Die Zuschauer:innen können etwas beobachten, was den meisten sonst verborgen bleibt – in diesem Fall Elche auf Wanderschaft. Aber die Professorin nennt noch einen weiteren Grund dafür, warum der Stream den Nerv der Zeit trifft: "Slow TV" biete einen "Moment der Ruhe inmitten großer weltweiter Krisen".

Noch mindestens bis zum 8. Mai kann man "Die große Elchwanderung" bei SVT sehen, eventuell geht die Übertragung auch etwas länger. Die Elchwanderung kann überall auf der Welt gestreamt werden, sie bleibt auch nach Beendigung des Streams ein Jahr lang online.


Verwendete Quellen:

Nachrichtenagentur dpa

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