Kult seit 1956
Einst "Sprachrohr der Jugend" - und heute? Alex Gernandt über 70 Jahre "Bravo"
Veröffentlicht:
von Marie-Finn Bruker17:30 SAT.1 Hamburg und Schleswig-Holstein
Michael Jacksons Brüder feiern MJ-Musical in Hamburg
Videoclip • 01:57 Min • Ab 12
Seit 70 Jahren prägt die "Bravo" Generationen. Zum Geburtstag des Kultmagazins spricht der ehemalige Chefredakteur Alex Gernandt über die Entstehung einer Jugendkultur, skurrile Treffen mit Weltstars – und wie er heute in die Zukunft der "Bravo" blickt.
Das Wichtigste in Kürze
Am 26. August 1956 erschien die erste "Bravo" – damals noch als Film- und Fernsehzeitschrift.
Der ehemalige "Bravo"-Chefredakteur Alex Gernandt flog für zahlreiche Interviews mit bekannten Stars um die Welt.
Über ein halbes Jahrhundert war das Magazin Lebensmittelpunkt und Ratgeber vieler Jugendlicher – heute teilweise abgelöst von Instagram, TikTok und Co.
Fünf bunte Buchstaben, die neueste Boyband auf dem Cover, wenige Seiten später folgen Liebestipps mit Dr. Sommer: Seit 70 Jahren begleitet die "Bravo" Jugendliche durch alle Lebenslagen. Am 26. August 1956 erschien sie zum ersten Mal und wurde über die Jahre zum "Sprachrohr der Jugend" – so beschreibt es Alex Gernandt, Musikjournalist und ehemaliger Chefredakteur des bekannten Hefts.
Im Gespräch mit :newstime erzählt er, wie es ist, als Beatles-Fan auf Paul McCartney zu treffen, über einen Lachanfall mit Michael Jackson und wie er Tokio Hotel den nötigen Schub in Richtung Star-Himmel gab.
Auch in den News:
Aus Backfischen wird Jugendkultur
Angefangen hatte alles etwa elf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Marilyn Monroes Strahlen auf dem quietschroten Heft brachte Ablenkung in den Alltag der Nachkriegszeit. "Schon ziemlich knallig für 1956", wie Alex Gernandt die Geburtsstunde der "Bravo" beschreibt – damals noch eine Zeitschrift für Film und Fernsehen. "Es gab keine Jugendkultur. Teenager hießen damals noch Backfische", erinnert sich Gernandt im Gespräch mit :newstime. Und dann kam Elvis.
"Elvis hat quasi auch hier die Welt verändert. Die Jugendkultur war geboren." Ab da ging es für die "Bravo" steil in Richtung Promihimmel. Auf Elvis Presley folgten die Beatles, die Rolling Stones, ABBA, Britney Spears und die Spice Girls. Nicht wenige davon hat Alex Gernandt selbst getroffen, nachdem er 1988 Redakteur bei der Bravo wurde und später bis zum Chefredakteur aufstieg. Wie er das geschafft hat?
Das Universum hinter den Kulissen der Stars habe ihn fasziniert, erzählt er. "Später habe ich mich dann da beworben – und bin genommen worden." 25 Jahre lang reiste er für die "Bravo" um die Welt, traf Madonna, Justin Bieber, Cher. "Der Coolste", das war für Gernandt aber Michael Jackson. Nach diesem ersten Treffen habe er gedacht: "Jetzt kann ich in Rente gehen."
Mit Marilyn Monroe, vom 26. August 1956. (Archivbild)
Bild: Matthias Balk/dpa
"Hi Michael"
Doch dazu kam es natürlich nicht. Auf das erste Treffen mit dem "King of Pop" folgten 15 weitere an verschiedensten Orten der Welt. "Er war wirklich ganz anders, als sich viele Leute ihn wohl vorstellen", berichtet der ehemalige Chefredakteur. Gegenüber :newstime beschreibt er Jackson als bescheiden, interessiert, empathisch und vor allem: sehr humorvoll.
Während einer Pause beim Dreh zum Musikvideo von "They Don't Care About Us" in Rio de Janeiro kam Gernandt zu der Pop-Ikone, während dieser gerade nachgeschminkt wurde. Mittlerweile hätten sich die beiden ganz gut gekannt, erinnert sich Gernandt. Dennoch blieb ihm die folgende Szene besonders eindrücklich im Kopf.
"Ich sag: 'Hi Michael'", erzählt der ehemalige "Bravo"-Redakteur gegenüber :newstime. "Und er nimmt den Make-up-Schwamm von der Visagistin und fährt ihn mir quer übers Gesicht, lacht sich tot, umarmt mich dann und sagt: 'Alex, bist du den ganzen Weg aus Deutschland gekommen, nur um mich zu sehen?'."
Interviews mit den Musikgrößen der Welt wurden für Gernandt in seiner "Bravo"-Zeit zur Routine. Bereits als junger Mann habe er den Beatles-Star Paul McCartney treffen dürfen. Kein Wunder also, dass der spätere Chefredakteur oft den richtigen Riecher für die Stars von morgen hatte.
"Bei Tokio Hotel hatte ich sofort das Gespür, dass sie was werden könnten", erzählt Gernandt. Die vier Jungs aus Magdeburg habe damals kaum jemand gekannt. "Bei 'Durch den Monsun' habe ich gesagt: 'Jungs, die Nummer ist super, Bravo wird euch unterstützen'", erzählt Alex Gernandt gegenüber :newstime. Er habe gewusst: "Die müssen wir sofort groß machen. Das ist die neue deutsche Superband."
Bildergalerie: 70 Jahre "Bravo" – unzählige Stars

Alte Bekannte: Alex Gernandt (links) und Michael Jackson
Die Pop-Ikone zeigt stolz das Cover der "Bravo" von 1994.
Bild: (c) privat

Als Fan und Redakteur mit Sir Paul McCartney (rechts)
Gernandt ließ sich sogar eine "Bravo" von der Beatles-Legende signieren.
Bild: (c) privat

Gernandt überreicht Beyoncé den Bravo-Otto.
Mit dem goldenen Maskottchen wird der Lieblingsstar der "Bravo"-Fans geehrt.
Bild: (c) privat

Mit US-Sängerin Britney Spears
Oops!… I Did It Again: Alex Gernandt an der Seite eines Weltsars.
Bild: (c) privat

Damals noch ohne Schnauzer: Bruno Mars
Hüte trägt der Sänger und Songwriter auch heute noch gern.
Bild: (c) privat

Handschlag mit dem jungen Justin Bieber
2009 hat der damals knapp 15-Jährige im Foyer der "Bravo"-Redaktion eine kleine Musikeinlage mit seiner Gitarre gegeben.
Bild: (c) privat

Madonna und Gernandt
Erfindet sich - wie die "Bravo"- immer wieder neu: Madonna
Bild: (c) privat

Damals noch eine Band: One Direction
Bild: (c) privat

Auch sie freut sich über die Fan-Auszeichnung: Miley Cyrus
Alex Gernand überreicht der Sängerin und Schauspielerin den Bravo-Otto.
Bild: (c) privat

Gernandt umringt von Tokio Hotel
Die "Bravo" verhalf der Band zum Erfolg.
Bild: (c) privat

Mit der kolumbianischen Sängerin Shakira
2010 machte sie "Waka Waka" zum WM-Hit.
Bild: (c) privat
Was die "Bravo" und Madonna gemeinsam haben
Wo die Stars waren, war auch die "Bravo". Jahrzehntelang hat sie Trends gesetzt, Trends begleitet. In ihrer Hochphase in den 1990er-Jahren erreichte sie eine Auflage von 1,7 Millionen Exemplaren, mit bis zu sechs Millionen Leser:innen pro Ausgabe. Die waren Gernandt zufolge besonders wichtig. "Der heimliche Chefredakteur der 'Bravo' war der Leser", erzählt er. Anhand von alle zwei Wochen stattfindenden Umfragen habe die Redaktion sofort gewusst, wer als Nächster aufs Cover kommt.
Die Leser:innen brauchten die "Bravo", und diese brauchte die Leser:innen. Heute ist das nicht mehr so. Das sieht auch Alex Gernandt. Per Instagram, TikTok und Co. können die Stars ihre News mittlerweile selbst vermitteln, sagt er. Die einst wöchentlich erscheinende Kult-Zeitung gibt es nun nur noch einmal pro Monat mit einer Auflage von etwa 83.000 Exemplaren in 2021.
"Die Digitalisierung hat 'Bravo' zugesetzt", so Gernandt im Gespräch mit :newstime. Seit 2013 ist seine Zeit bei dem bekannten Jugendmagazin zu Ende. Doch mit der "Bravo" ist es für den passionierten Musikjournalisten noch lange nicht vorbei. "Ich vergleiche 'Bravo' immer mit Madonna, die auch jahrzehntelang im Business ist und sich immer wieder neu erfinden muss", erzählt er, "und das gilt auch für 'Bravo'." Für Gernandt selbst gilt schlussendlich vor allem eins: "Es gibt sie immer noch, 70 Jahre mittlerweile. Und das ist ein Phänomen. Definitiv, das ist es."
Verwendete Quellen:
Nachrichtenagentur dpa
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