EU-Zulassung
Abnehmpille ab jetzt in Deutschland erhältlich: Die Wegovy-Tablette im Vergleich zur Spritze
Aktualisiert:
von Joachim Vonderthann:newstime
Neue Abnehmpille: Wegovy erhält EU-Zulassung
Videoclip • 01:24 Min • Ab 12
Die EU-Kommission hat Wegovy in Tablettenform zugelassen – jetzt ist sie in Europa als erstes orales Medikament mit dem Wirkstoff Semaglutid auf dem Markt. Für Menschen mit Spritzenangst könnte das ein Durchbruch sein. Was kann die neue Abnehmpille?
Das Wichtigste in Kürze
Die EU-Kommission hat Wegovy in Tablettenform zugelassen, ab September ist sie erwerbbar.
Erstmals gibt es damit in Europa ein orales Semaglutid-Präparat zur Gewichtskontrolle – bislang gab es nur Abnehmspritzen.
Expert:innen erklären den Unterschied zwischen den Produkten, beide mit gleichem Wirkstoff.
Bisher war Wegovy nur als Spritze erhältlich – ab September gibt es sie auch in Tablettenform. Bereits im Juli hat die Europäische Kommission die Zulassung für die Wegovy-Pille erteilt. Der Wirkstoff ist derselbe: Semaglutid, eine Substanz, die das Darmhormon „Glucagon-like Peptide-1" nachahmt, das Hunger und Appetit dämpft und die Sättigung verstärkt. Inwiefern die neue Tablette eine Chance sein kann – und was bei der Einnahme beachtet werden muss.
Wegovy-Abnehmpille genau so gut wie die Spritze?
Ist die Pille genauso wirksam wie die Spritze? Grundsätzlich ja – unter einer wichtigen Bedingung. Katharina Timper, Direktorin der Klinischen Ernährungsmedizin am TUM Klinikum Rechts der Isar, wird bei tageschau.de zitiert: "Das ist genau der gleiche Wirkstoff, egal ob oral eingenommen oder als Spritze." Und weiter: Wenn die Pille "ganz korrekt eingenommen wird, dann gibt es eigentlich auch keinen Unterschied bezüglich der Effizienz."
Studiendaten zeigen dem Bericht zufolge: Erwachsene mit Adipositas oder Übergewicht konnten unter der oralen Form nach 64 Wochen ihr Gewicht im Schnitt um rund 14 Prozent reduzieren. Bei der Spritze waren es bis zu 19 Prozent in 72 Wochen – jeweils in Kombination mit kalorienreduzierter Ernährung und mehr Bewegung.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Einnahme. Während die Spritze nur einmal pro Woche gesetzt wird, muss die Tablette täglich nach strikten Regeln eingenommen werden: nüchtern am Morgen, mit wenig Wasser, danach mindestens 30 Minuten weder essen noch trinken noch andere Medikamente nehmen. "Wenn man das nicht einhält, dann sinkt die Verfügbarkeit des Wirkstoffes und damit auch die Effektivität rapide ab", warnt Timper. Der Grund: Semaglutid wird im Verdauungstrakt durch Magensäure und Enzyme zerstört. Ein spezieller Hilfsstoff in der Tablette schützt den Wirkstoff, doch Nahrung, Getränke oder andere Medikamente können diesen Schutz stören.
Weniger Hemmschwelle – aber kein Lifestyle-Produkt
Der größte Vorteil der Tablette liegt auf der Hand: Die Spritze entfällt. „Es gibt doch viele Menschen, die Vorbehalte haben, sich Medikamente zu spritzen", sagt Jens Aberle, Endokrinologe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, bei tagesschau.de: „Wenn Sie eine Person fragen, möchten Sie ein Medikament lieber spritzen oder als Tablette nehmen, dann sagen 90 Prozent: lieber als Tablette." Hinzu komme eine psychologische Komponente: Eine Tablette fühle sich für viele weniger nach schwerer Krankheit an.
Gleichzeitig warnt Aberle vor einem gefährlichen Missverständnis: Tabletten könnten "noch leichter verfügbar" erscheinen und "auch bei nicht bestehender Indikation eingenommen werden". Wegovy bleibt jedoch auch in Tablettenform ein verschreibungspflichtiges Medikament für eine chronische Erkrankung und kein schneller Trick zum Abnehmen. Aberle betont: "Die Anwendung dieser Substanzen, egal ob Tablette oder Spritze, muss immer medizinisch indiziert sein und ärztlich begleitet werden."
Das Nebenwirkungsprofil ist laut Timper vergleichbar mit dem der Spritze: Häufig treten Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Durchfall, Verstopfung oder Erbrechen auf. Seltener können Gallenprobleme oder eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse vorkommen.
Auch in den News:
Wer bekommt die Pille – und was kostet sie?
Die Wegovy-Tablette ist für Erwachsene mit einem BMI ab 30 zugelassen. Außerdem kommt sie für Erwachsene mit einem BMI ab 27 infrage, wenn mindestens eine gewichtsbedingte Begleiterkrankung vorliegt – etwa Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes oder Schlafapnoe. Die Spritze ist bereits ab zwölf Jahren zugelassen, die Tablette hingegen ausschließlich für Erwachsene.
Gesetzlich Versicherte in Deutschland müssen die Kosten dem Bericht zufolge voraussichtlich vollständig selbst tragen: Medikamente, die überwiegend zur Gewichtsreduktion eingesetzt werden, sind in Deutschland grundsätzlich von der Kassenerstattung ausgeschlossen.
Weitere Abnehmmittel in der Entwicklung
Die neue Wegovy-Pille ist laut tagesschau.de nur ein Baustein in einem dynamischen Forschungsfeld. In den USA wurde im April 2026 mit Orforglipron (Handelsname: Foundayo) eine weitere GLP-1-Tablette zugelassen, bei der keine strengen Einnahmeregeln beachtet werden müssen. Besonders viel Aufmerksamkeit erhält zudem das Spritzen-Medikament Retatrutid, das in der höchsten Dosierung nach zwei Jahren im Schnitt über 30 Prozent Gewichtsverlust erzielte. Eine Zulassung wird für 2027 erwartet. Der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller nennt mehr als 70 weitere Adipositas-Medikamente, die derzeit weltweit erforscht werden.
Verwendete Quellen:
tagesschau.de: "Was die neue Abnehmpille kann"
Stuttgarter Zeitung: "Was kosten die Pillen und ab wann bekommt man sie?"
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