Ost-West-Debatte
Ausgrenzung von Ostdeutschland? Publizist befürchtet bei Lanz "gewaltigen Effekt auf Dauer"
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von Natascha Wittmann:newstime
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Videoclip • 01:08 Min • Ab 12
Bei "Markus Lanz" wurde die Ost-West-Debatte plötzlich emotional. Als Lanz wissen wollte, ob es mittlerweile einen kollektiven Hass auf den Westen gebe, antwortete Publizist Dirk Oschmann differenziert. Lanz wirkte sichtlich erleichtert, doch die Frage blieb: Wie tief sitzen die Gräben wirklich?
Bei "Markus Lanz" stand am Mittwochabend (21. Oktober) wieder ein Dauerbrenner auf der Agenda: die Ost-West-Debatte. Die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin offenbarten einmal mehr: Es geht um wirtschaftliche Unterschiede, fehlende ostdeutsche Repräsentanz in Spitzenjobs und das Gefühl vieler Menschen im Osten, politisch benachteiligt zu werden.
Publizist Dirk Oschmann zeigte sich in der Runde wenig überrascht über die erneute Schärfe der Diskussion. Ihn störe jedoch vor allem der Ton, mit dem über Ostdeutsche gesprochen werde ("Jammer-Ossi"). Aus seiner Sicht sei das Muster alt: "Dass wir jetzt diese Ost-West-Debatte haben, ist keine Überraschung. Denn Historiker haben gezeigt, dass immer in Kulturen nach 30 bis 40 Jahren die Dinge neu aufgerollt werden."
Lanz hakte nach: "Also die alten Themen kommen wieder auf den Tisch?" Oschmann bejahte dies und fügte an: "Es ist sozusagen ein kontinuierliches Diffamieren und Ausschließen und Diskriminieren des Ostens. Insofern reiht sich das einfach ein in eine lange Geschichte, die immer dasselbe sagt." Lanz hakte ein: "Woher kommt das?" Oschmann vermutete, die westdeutsche Mehrheitsgesellschaft brauche womöglich eine "Art von Entlastungserzählung", "um sich selber zu stabilisieren. Sie hält sich ja sonst gerne für weltoffen und für divers, (...) nur eben im Blick auf diesen Osten nicht".
Anknüpfend an die Landtagswahlen in den ostdeutschen Bundesländern sagte Dirk Oschmann: "Dass wir jetzt diese Ost-West-Debatte haben, ist keine Überraschung."
Bild: ZDF
Publizist Dirk Oschmann warnt: "Das darf man als psychologischen Faktor nicht unterschätzen"
Journalist Reinhard Bingener wies auf eine unterschiedliche Wahrnehmung hin: Im Westen sei die Einheit oft "als Geschenk" und "als gegeben" wahrgenommen worden, entsprechend sei sie "über Jahrzehnte" kein Thema gewesen, das "in der westdeutschen Gesellschaft (...) besonders heiß debattiert" wurde. Gleichzeitig beobachte Bingener, dass sich das Klima verschärft habe: Bei der jüngsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt habe er "an vielen Anlässen registriert", "dass dieses Abgrenzungsbewusstsein zunehmend aggressiv wird".
Bingener brachte außerdem die wirtschaftliche Perspektive ins Spiel. Er forderte: "Das Ziel muss doch sein, im Interesse der ostdeutschen Flächenländer, dass sie Wertschöpfung generieren. Und die wird generiert in Ballungszentren." Dirk Oschmann warnte hingegen vor einer dauerhaften Stigmatisierung: Der Osten werde immer wieder "ausgegrenzt" und "als das Andere, als das Defizitäre, das Zurückgebliebene" betrachtet. "Und die Frage ist, ob das nicht doch einen gewaltigen Effekt hat auf Dauer", sagte er. Oschmann mahnte: "Das darf man als psychologischen Faktor nicht unterschätzen."
Hitzig wurde es schließlich, als der Publizist die mediale Darstellung der jüngsten Landtagswahlen kritisierte. Eingefärbte Wahlkarten würden suggerieren, "dass im Westen die Demokraten leben und im Osten die Nazis. Und das ist ein Problem". Bingener hielt mit ernster Miene dagegen: "Das ist eine vollkommen übliche Form der Berichterstattung nach Wahlen. (...) Wir haben schon Pressefreiheit und die gilt es schon auch zu verteidigen!"
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Publizist Dirk Oschmann sieht die Wiedervereinigung als gelungen
Oschmann blieb jedoch bei seinem Vorwurf: Viele Westdeutsche würden sich "gerne als die Vertreter der Rationalität präsentieren", "während die Ostdeutschen in ihren Emotionen verloren sind". Oft werde unterstellt, "dass sie zornig sind, dass sie empört sind". Bingener konterte trocken: "Einen Mangel an Zorn haben wir im politischen Diskurs im Moment nicht." Lanz stimmte zu: "Haben wir nicht, nein."
Am Ende fragte der Moderator: "Gibt es sowas wie einen Hass auf den Westen?" Dirk Oschmann antwortete zunächst knapp: "Das wird es ganz sicher geben - aber das gibt es auch umgekehrt." Ein flächendeckendes Gefühl sehe er jedoch nicht: "Das nehme ich nicht wahr." Lanz reagierte lächelnd: "Das ist doch erstmal ein guter Befund." Oschmann betonte in dem Zusammenhang, dass für ihn "außer Frage" stehe, dass die Wiedervereinigung gelungen ist.
Lanz zeigte sich sichtlich überrascht: "Das sagen Sie so? Das finde ich gut! Ich sehe das genau so!" Dennoch forderte Oschmann zum Schluss: "Man kann Dinge besser machen. Und warum fangen wir nicht damit an? (...) Respektvoll und differenziert und ohne Herabwürdigung über den Osten zu schreiben, wäre ein erster Schritt."
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