Immer mehr Exporte in Nato-Staaten

Ukraine-Krieg und Konflikt mit Kim-Jong-un: Südkorea wird zur globalen Rüstungsmacht

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von Sven Hauberg

:newstime

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Getrieben von der Bedrohung durch Nordkorea hat Südkorea eine der modernsten Rüstungsindustrien der Welt aufgebaut. Der jüngste Test einer Hyperschallrakete zeigt, wie selbstbewusst das Land inzwischen auftritt. Und während Europas Verteidigungsindustrie an ihre Kapazitätsgrenzen stößt, füllen südkoreanische Hersteller die Lücken.

Das Wichtigste in Kürze

  • Südkorea ist zu einem der weltweit wichtigsten Waffenproduzenten aufgestiegen. Immer mehr Rüstungsgüter gehen auch in den Export.

  • Davon profitiert auch die Ukraine – obwohl Südkorea nicht in Kriegsgebiete liefert.

  • Entscheidend für den Erfolg der südkoreanischen Rüstungsindustrie sei der Konflikt mit Nordkorea, sagt ein Experte.

Es kommt selten vor, dass südkoreanische Präsidenten vor Ort dabei sind, wenn ihre Streitkräfte neu entwickelte Raketen testen. Diesmal aber wollte sich Präsident Lee Jae-myung die Gelegenheit offenbar nicht entgehen lassen: Vor ein paar Tagen beobachtete er den Start der ersten südkoreanischen Hyperschallrakete. In einem Facebook-Post sprach Lee anschließend von einem "Erfolg". Hyperschallraketen fliegen mit mindestens fünffacher Schallgeschwindigkeit und sind dabei teilweise so manövrierfähig, dass sie schwerer abzufangen sind als herkömmliche Raketen.

Der Test, so Präsident Lee, sei ein "Fortschritt" auf dem Weg zu einer "eigenständigen Verteidigung". Sein Land werde "weiterhin konsequent in fortschrittliche Verteidigungstechnologien investieren, darunter Hyperschallantriebe, künstliche Intelligenz und Hochleistungslaser".

Schon jetzt ist das ostasiatische Land einer der weltweit wichtigsten Waffenproduzenten. Und: Südkorea exportiert seine Rüstungsgüter zunehmend auch ins Ausland, unter anderem nach Europa. Die Verteidigungsindustrie ist für Südkorea mittlerweile so wichtig, dass "K-Bangsan" ("K-Verteidigung") nach K-Pop und K-Beauty zu den wichtigen Exportschlagern des Landes gehört. Laut Regierungsangaben wurden im vergangenen Jahr Waffen im Wert von 15,4 Milliarden US-Dollar ausgeführt.

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Südkoreas Waffenexporte boomen

Das schwedische Friedensforschungsinstitut Sipri führt Südkorea auf Platz neun seiner Liste der weltweit wichtigsten Waffenexporteure. Im Zeitraum 2021 bis 2025 nahm der Anteil des Landes an den weltweiten Waffenausfuhren im Vergleich zu den fünf Jahren zuvor laut Sipri um 24 Prozent zu. Gleichzeitig fielen die südkoreanischen Waffenimporte um 54 Prozent. "Der Rückgang war zum Teil darauf zurückzuführen, dass Südkorea zunehmend in der Lage ist, eigene Großwaffen zu entwickeln und herzustellen, wodurch das Land weniger auf Importe angewiesen ist", heißt es dazu in einer Sipri-Analyse.

Diese Entwicklung sei eng mit dem Konflikt mit Nordkorea verbunden, sagte Yang Uk, Sicherheitsexperte am Asan Institute for Policy Studies in Seoul, gegenüber :newstime: "Die anhaltende militärische Bedrohung durch Nordkorea ist die wichtigste Triebkraft für die Entwicklung der südkoreanischen Rüstungsindustrie. Im Laufe der Jahrzehnte hat das südkoreanische Militär bei der Verteidigung des Landes erhebliche Verluste erlitten. Das hat dazu geführt, dass es an seine Waffensysteme sowohl bei Offensiv- als auch bei Defensivoperationen außergewöhnlich hohe Anforderungen stellt."

Nord- und Südkorea befinden sich seit dem Koreakrieg (1950-1953), der mit einem Waffenstillstand lediglich eingefroren wurde, noch immer im Kriegszustand. Immer wieder kam es in den vergangenen Jahrzehnten zu Scharmützeln entlang der gemeinsamen Grenze, der sogenannten Demilitarisierten Zone. Zuletzt explodierten dort Angaben aus Südkorea zufolge mehrere Minen, die von Nordkorea ausgelegt worden seien. Auch der Zeitpunkt des Tests einer Hyperschallrakete in Anwesenheit des südkoreanischen Präsidenten war wohl kein Zufall: Nur Tage zuvor hatte Nordkorea eine Mittelstreckenrakete abgefeuert, die laut Staatsmedien Teil eines Hyperschallsystems war. Anwesend bei dem Test waren dem Bericht zufolge Diktator Kim Jong-un und seine Tochter.

Wegen Ukraine-Krieg: Polen ist Großkunde Südkoreas

Dass Südkorea immer mehr Waffen auch exportiert, liegt vor allem an der veränderten Sicherheitslage in Europa. "Der Krieg in der Ukraine hat zweifellos den explosionsartigen Anstieg der Nachfrage nach südkoreanischen Rüstungsprodukten ausgelöst", sagt Experte Yang. Zwar liefert Südkorea nicht direkt an die Ukraine, weil die Gesetze des Landes die Ausfuhr in ein Kriegsgebiet verbieten. Dafür versorgt Südkorea aber die Verbündeten des von Russland angegriffenen Landes. "Viele osteuropäische Länder benötigen dringend moderne militärische Ausrüstung, doch die vorhandenen Produktionskapazitäten der westeuropäischen Rüstungsindustrie reichen nicht aus, um diesen Bedarf schnell zu decken", sagt Yang. Diese Aufgabe übernehmen zunehmend Hersteller aus Südkorea.

2025 vermeldeten die vier großen Player der südkoreanischen Verteidigungsindustrie das erfolgreichste Jahr ihrer Firmengeschichte. Der Rüstungshersteller Hanwha Group liegt derzeit laut Sipri auf Platz 21 der weltweit größten Waffenhersteller, auch LIG Nex1, Hyundai Rotem und Korea Aerospace Industries (KAI) befinden sich unter den Top 100.

Ihre Waffen gehen zum Beispiel nach Polen. 2022 unterzeichnete Warschau einen Rekordvertrag über 12,4 Milliarden US-Dollar zum Kauf von 980 K2-Kampfpanzern, 648 K9-Haubitzen sowie 48 Kampfjets vom Typ FA-50, die in Zusammenarbeit mit dem US-Hersteller Lockheed Martin entwickelt wurden. Laut Sipri kamen in den vergangenen fünf Jahren 47 Prozent aller polnischen Waffenimporte aus Südkorea. Einem Bericht der Zeitung "Seoul Economic Daily" zufolge, der sich auf Regierungsangaben stützt, machten Exporte nach Polen im vergangenen Jahr 40 Prozent der gesamten südkoreanischen Waffenausfuhren aus. Davon profitiert auch die Ukraine: Die umfassende Modernisierung der polnischen Rüstung ermöglicht es Polen, seine ältere Ausrüstung aus der Sowjetzeit an Kiew abzugeben.

Südkoreanische Waffen immer fortschrittlicher

Auch andere europäische Staaten kaufen ihre Rüstungsgüter zunehmend in Südkorea. So haben Rumänien,  Finnland, Estland und Norwegen südkoreanische Haubitzen geordert. Nach den USA ist Südkorea mittlerweile der wichtigste ausländische Beschaffungsmarkt für die europäischen NATO-Staaten. Der Irak, die Philippinen, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate gehören ebenfalls zu den Kunden südkoreanischer Waffenbauer. In jüngster Vergangenheit kam Peru hinzu. Das südamerikanische Land bestellte fast 200 Panzer und gepanzerte Fahrzeuge.

Noch vor einigen Jahren verkaufte Südkorea vor allem Kriegsschiffe und Artilleriesysteme ins Ausland. Heute ist neben dem Kampfjet KF-21, der über fortschrittliche Tarnkappeneigenschaften verfügt, auch das Luft- und Raketenabwehrsystem Cheongung-II ein Vorzeigeprodukt der südkoreanischen Waffenindustrie. Das System kann ballistische Raketen und Flugzeuge in einer Reichweite von bis zu 40 Kilometern abfangen, und das zu deutlich geringeren Kosten als das US-amerikanische Patriot-System.

Südkorea wird zum Konkurrenten Deutschlands

Analyst Yang macht mehrere Faktoren für die weltweite Nachfrage nach südkoreanischen Rüstungsgütern aus. "Südkoreanische Unternehmen haben fortschrittliche Technologie mit Großserienfertigung kombiniert. Dies ermöglicht es ihnen, leistungsfähige Systeme zu angemessenen Preisen anzubieten und gleichzeitig kurze Lieferzeiten einzuhalten", sagt der Rüstungsexperte. Ein weiterer wichtiger Vorteil seien die hohen Produktionskapazitäten. "Südkoreanische Rüstungsunternehmen müssen seit Jahrzehnten auf die operativen Anforderungen des südkoreanischen Militärs reagieren. Deshalb verfügen sie über Fertigungslinien, qualifizierte Arbeitskräfte und Lieferketten, mit denen sich die Produktion relativ schnell hochfahren lässt."

Hinzu komme, dass Südkorea eine der weltweit wichtigsten Halbleiterindustrien besitze. "Da moderne Verteidigungssysteme zunehmend softwaregesteuert und KI-gestützt sind, bekommt die Fähigkeit, Software in hochentwickelte Hardware zu integrieren, dieselbe Bedeutung wie der traditionelle Maschinenbau", sagt Yang.

Für Deutschland, den viertgrößten Waffenexporteur der Welt, wird Südkorea dadurch zunehmend zum Konkurrenten. "Deutschland wird aber auch weiterhin ein zentraler industrieller Anker für die europäische Verteidigung bleiben, während sich Südkorea zu einem wichtigen Zentrum der Rüstungsproduktion im indopazifischen Raum entwickelt", glaubt Experte Yang.


Verwendete Quellen:

Reuters: "South Korea's Lee oversees first test of a hypersonic missile"

Sipri: "Can the growth trend in South Korea’s arms industry last?"

Sipri: "Trends in International Arms Transfers, 2025"

Sipri: "The SIPRI Top 100 Arms-producing and Military Services Companies, 2024"

Seoul Economic Daily: "Korea's Defense Exports Hit $15.4 Billion in 2025, Set to Grow Further"

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