Gefahr für Passagiere

Wetterradarsysteme in Airbus-Maschinen: Piloten warnen vor "kritischen Ausfällen"

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Bei Maschinen des Flugzeugtyps Airbus 350 kam es zu gehäuften Zwischenfällen mit dem hochmodernen Wetterradarsystem.

Bild: IMAGO/MAXPPP


Eine Reihe technischer Probleme belasten den Flugzeugbauer Airbus. Pilot:innen schlagen nun wegen eines unzuverlässigen Wetterradarsystems Alarm.

Das Wichtigste in Kürze

  • Laut französischen Medienberichten haben AirFrance-Pilot:innen eine Warnung über Radarsysteme in Flugzeugen des Herstellers Airbus herausgegeben.

  • Die Pilot:innen berichten von Ausfällen der Systeme, was die Einschätzung der Wetterlage beeinträchtige und eine Gefahr für Passagiere darstelle.

  • Der Flugzeugbauer und die Fluggesellschaft versichern aber, dass "kein kritisches Sicherheitsrisiko" bestehe.

Softwarefehler, Triebwerkprobleme und jetzt auch noch ein "unzuverlässiges" Radarsystem – der Flugzeugbauer Airbus sorgt mit negativen Schlagzeilen zunehmend für Verunsicherung bei Pilot:innen und Reisenden. Französische Medien berichten nun von erheblichen Problemen mit dem hochmodernen Wetterradarsystem des Langstreckenflugzeugs Airbus 350: „Kritische und regelmäßige Ausfälle der Wetterradare an Bord der A350 führen zu einem fehlerhaften Radarbild, wodurch die Schwere der Wetterbedingungen unterschätzt wird”, teilten Pilot:innen der Airline AirFrance laut Berichten der Zeitung "Le Parisien" mit.

Pilot:innen warnen: Zuverlässigkeitsproblem bei A350-Wetterradarsystemen

Das Wetterradarsystem der US-Firma Honeywell sollte es als moderne Technologielösung Pilot:innen eigentlich erleichtern, auf kritische Wetterveränderungen zu reagieren und Turbulenzen zu umfliegen. Die Wetterdaten werden durch das System bei Distanzen bis zu 320 nautischen Meilen (592,64 Kilometer) und Höhen von bis zu 60.000 Fuß (18,288 Kilometer) automatisch erfasst und in einer 3D-Darstellung angezeigt. Die Radarantenne ist an der äußersten Spitze des Flugzeugrumpfes angebracht und mit speziellen Farben und Material beschichtet, damit Radarwellen optimal durchkommen können.

Doch die Pilot:innen berichten von einem ernsten Zuverlässigkeitsproblem mit dem System. Denn die Anlage informiere häufig zu spät oder gar nicht über Turbulenzen, auch würden ungenaue Schweregradangaben erfolgen. "Stellen Sie sich vor, ein Autohersteller würde eine Warnung herausgeben, dass die Scheinwerfer des Fahrzeugs bei Nacht und hohen Geschwindigkeiten ohne vorherige Anzeichen ausgehen könnten.", beschreiben die Pilot:innen den Defekt. Insbesondere bei Distanzen von 80 nautischen Meilen (148,16 Kilometer) sollen die Störungen demnach auftreten. Dadurch werde ein Ausweichen von Witterungserscheinungen beeinträchtigt, erklärte das zentrale Gremium für Sozial- und Wirtschaftsfragen (CSSCT) der AirFrance-Pilot:innen.

Das CSSCT hat infolge der Störungen am 16. Dezember 2025 eine Warnung an die Geschäftsleitung der Airline herausgegeben. Auch wurde die Warnung an die Arbeitsaufsichtsbehörde weitergeleitet. Darin wird auf ein „erhöhtes Risiko des Eindringens in gefährliche Wetterzonen (starke Turbulenzen, Hagel, Scherung)” hingewiesen. Es bestehe demnach sogar eine "direkte Gefahr für die Sicherheit der Passagiere, der Besatzung und des Flugzeugs (Verlust des Flugzeugs im Flug)", heißt es im Bericht.


Airbus-Wetterradarfehler: Erinnerungen an Tragödie der AF447

Wie aus dem Bericht weiter hervorgeht, tritt das Problem offenbar nicht nur bei Maschinen der französischen Airline auf. Es sollen demnach alle Fluggesellschaften betroffen sein, die mit diesem Flugzeugtyp fliegen. Weltweit sind 685 Maschinen des Typs A350 in Betrieb, der für die Beförderung von 300 Passagieren gebaut wurde.

Die französischen Pilot:innen hätten bereits dutzende Sicherheitsberichte verfasst, um die Geschäftsleitung zu informieren. Ein Pilot der Maschine A350 zeichnet ein erschreckendes Bild: "Wir befürchten das gleiche Szenario wie bei AF447 von Rio nach Paris im Jahr 2009”.

Damals stürzte die Air-France-Maschine fast vier Stunden nach dem Start in den Atlantik. 228 Menschen kamen ums Leben. Für gewöhnlich kommt in der innertropischen Konvergenzzone, durch die die Maschine flog, wegen aufsteigender feuchter Luft zu starken Gewittern.

Laut Abschlussbericht der französischen Flugunfalluntersuchungsbehörde BEA im Jahr 2012 vereisten die Sonden der Messgeräte des Flugzeugs AF447, besonders die Pitot-Sonden, die für die Geschwindigkeitsmessung verantwortlich sind. Der Ausfall der Geschwindigkeitsanzeige kann verheerende Folgen haben. In diesem Fall führte die Vereisung zu einer Verkettung von Fehlern der Flugzeugsysteme.

Absturz der AF447: Haben Airbus und Air France fahrlässig gehandelt?

Der Hersteller der Sonden, die Firma Thales, hatte in Dokumenten über die Gefahr gewarnt, welche von einem Verlust des Gerätes ausgeht. Dort heißt es, dass der Verlust der Geschwindigkeitsanzeigen Flugzeugabstürze verursachen könne, besonders im Falle von vereisten Sonden. Luftfahrtbehörden forderten damals mehrfach, die Spezifikationen der Sonden zu ändern. Zulassungsbehörden hätten jene Pitot-Sonden mit Spezifikationen aus dem Jahr 1947, also nur bis zu einer Temperatur von minus 40 Grad Celsius und einer Flughöhe von nur rund 9.000 Metern, getestet. Der Flug AF 447 befand sich aber auf einer Höhe über 10.000 Metern.

Airbus hat damals über die Probleme mit den Pitot-Sonden Bescheid gewusst. Expertengutachten zeigten außerdem, dass die Crew auf die Situation schlecht vorbereitet war, genauer gesagt überfordert. Trotz neun dokumentierten Zwischenfällen von Mai bis Oktober 2008, wurden die Pitot-Sonden von der Europäischen Luftfahrtbehörde Easa nicht verboten. Auch bei Konkurrent Boeing kam es zu Zwischenfällen mit Pitot-Sonden, wie die US-Zulassungsbehörde FAA dem "Spiegel" bestätigte.

Obwohl Airbus und Air France wegen fahrlässiger Tötung angeklagt wurden, hat sie das Pariser Strafgericht 2023 freigesprochen. Der Berufungsprozess begann am 29. September 2025. Die Staatsanwaltschaft forderte darin die Verurteilung des Flugzeugbauers und der Airline.

Ausfallende Wetterradarsysteme: Airbus sieht "kein kritisches Sicherheitsrisiko"

Auch im Falle der Wetterradarsysteme der Maschinen A350 hat Airbus bereits seit 2023 über die auftretenden Probleme Kenntnis. Jedoch entwarnte der Flugzeugbauer bereits, dass kein kritisches Sicherheitsrisiko im Zusammenhang mit der Ausrüstung in ihrem derzeitigen Zustand bestehe. "Diese Einschätzung wurde von der Europäischen Agentur für Flugsicherheit bestätigt, die die Situation in Zusammenarbeit mit Airbus weiterhin beobachtet.“, so der Flugzeughersteller.

Airbus hat allerdings bereits mit Maßnahmen reagiert. Pilot:innen müssen vor dem Flug ein Dokument (Temporary Abnormal Behaviour, TAB) einsehen und sich auf verzögerte Anzeigen einstellen, da „die verminderte Leistung des Wetterradars über 80 nautischen Meilen zu einer Unterschätzung oder verspäteten Erkennung der Wetterbedingungen durch die Pilot:innen führen kann”, wie es darin heißt.

Die Cockpit-Crew wird außerdem dazu angewiesen, Bereiche, die vom System schraffiert werden, zu umfliegen. "Das kann manchmal die Flugzeit verlängern und den Treibstoffverbrauch erhöhen, aber das spielt keine Rolle, denn die Flugsicherheit hat oberste Priorität", so die Fluggesellschaft. Die Pilot:innen bewerten die Maßnahmen allerdings als nicht ausreichend: „Angesichts dieser Situation hat das Unternehmen vorbeugende Maßnahmen ergriffen, die sich jedoch als unzureichend erweisen”, schreibt das CSSCT in seiner Warnung.

Die Firma Honeywell kündigte ursprünglich für 2025 das Update des Wetterradarsystems an. Die Wartezeit erscheint einigen Airlines aber zu lang. Laut Bericht werden aktuell Tests des Radars, sowohl am Boden als auch in der Luft, durchgeführt. Die Korrekturen sollen voraussichtlich Mitte des laufenden Jahres geliefert werden.


Verwendete Quellen:

leparisien.fr: ""Des défaillances critiques et régulières " : ce radar météo qui inquiète les pilotes d’Air France sur A350"

Nachrichtenagentur Reuters

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