Iran-Krieg
IEA-Chef malt düsteres Szenario: "Schwarzer April" könnte bevorstehen
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Iran will neue Regeln für Hormus
Videoclip • 01:01 Min • Ab 12
Der Iran-Krieg hatte bereits im März spürbare Auswirkungen auf das Leben in Europa. Der Leiter der Internationalen Energieagentur warnt jetzt: April könnte noch viel schwerwiegender werden.
Das Wichtigste in Kürze
Die Sperrung der Straße von Hormus führt zu Verknappung von Öl- und Gaslieferungen weltweit.
IEA-Leiter Fatih Birol warnt vor einem viel größeren Ausmaß, als man es in vergangene Energiekrisen bereits erlebt hatte, falls die Handelsroute weiterhin gesperrt bleibt.
Trotz der weltweit angespannten Energiesituation und einem drohenden Nahrungsmittel-Schock kann der Energieexperte der Lage in Nahost dennoch etwas Positives abgewinnen.
Die Spritpreise schnellen in die Höhe, die Inflation im Euroraum zieht immer weiter an. Doch dies sei erst der Anfang, warnen Energieexperten. Denn die Blockade der Straße von Hormus könnte Konsequenzen historischen Ausmaßes annehmen. Öl, Gas und Nahrungsmittel - die Welt stehe vor einem dreifachen Schock, mahnte Fatih Birol, Leiter der Internationalen Energieagentur (IEA) und zeigte sich im Interview mit der Zeitschrift "Le Figaro" pessimistisch.
"Die Welt hat noch nie eine Störung der Energieversorgung in einem solchen Ausmaß erlebt", sagte Birol mit Blick auf den Krieg in der Golfregion. Betrachte man die großen Öl- und Gaskrisen der Vergangenheit, sei die aktuelle Krise schwerwiegender als die Krisen 1973, 1979 und 2022 zusammen. "Wir stehen vor einem großen Energie-Schock, der einen Öl-, einen Gas- und einen Nahrungsmittel-Schock vereint." Die gesamte Weltwirtschaft würde in Mitleidenschaft gezogen werden.
Beschädigte Energieinfrastruktur in Nahost: Gas- und Strompreise steigen
Der Krieg dauert nunmehr seit knapp sechs Wochen an. Die Islamische Republik hatte im Zuge der Angriffe aus den USA und Israel wichtige Länder, die als Öl- und Gasproduzenten gelten, angegriffen und deren Infrastrukturen beschädigt, darunter Katar das für Deutschland ein wichtiger Partner bei LNG-Lieferungen ist. Nach Angaben der IEA wurden 75 Prozent der Energieinfrastrukturen der Region beschädigt. Auch für andere Länder sei die Gasverknappung ein ernsthaftes Problem, so Birol weiter. "In vielen europäischen Ländern beispielsweise folgt der Strompreis dem Gaspreis".
Der Iran nutzt zudem die Sperrung der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt, durch die ein Fünftel der gesamten Öl- und Gasexporte abgewickelt werden, als Druckmittel im Krieg gegen die USA. Zwar besteht für Deutschland keine drastisch hohe Energieabhängigkeit von den Golfstaaten, dennoch ist die Europäische Union und speziell einige wenige Länder, stärker abhängig von den Energielieferungen der Region. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes bezog Deutschland etwa sechs Prozent seiner Rohölimporte aus dem Nahen Osten, die EU etwa 13 Prozent.
Versorgungsknappheit und Inflation setzen Länder unter Druck
Doch neben LNG und Rohöl werden auch Diesel, Benzin oder Schiffsdiesel über die Straße von Hormus verschifft. Die Verknappung ließ Preise daher sprunghaft ansteigen. Anfang April lagen die Spritpreise gut 50 Prozent über dem Vorkriegsniveau. Logistik und Transportkosten wachsen und mit ihnen auch die Preise für Lebensmittel.
Einige Golfstaaten decken außerdem den Großteil der Düngemittelproduktion für zahlreiche Länder in der EU ab. Über die Straße von Hormus wird ein Drittel der globalen Menge transportiert. Insbesondere Saudi-Arabien und Katar bilden wichtige Vorproduktlieferanten für Deutschlands Agrarwirtschaft. Die Verknappung in diesem Bereich führte ebenfalls zu Preissprüngen, besonders bei Harnstoff (rund 40 Prozent). Mit der Gefährdung der Düngemittelimporte wird auch die Versorgungssicherheit innerhalb der gesamten EU aufs Spiel gesetzt. Die Preissteigerungen in diesem Bereich führen unweigerlich auch zu Preisanstiegen bei Lebensmitteln.
Während laut Prognosen des Ifo-Instituts die Inflation infolge des Energieschocks in Deutschland im Jahresdurchschnitt auf etwa 2,8 Prozent geschätzt wird, geht man davon aus, dass die Krise Entwicklungsländer weitaus stärker treffen wird. "Am stärksten betroffen sein werden die Entwicklungsländer, aufgrund der hohen Preise für Öl, Gas und Lebensmittel sowie der beschleunigten Inflation. Ihr Wirtschaftswachstum wird stark beeinträchtigt werden.", teilte der IEA-Chef Birol weiter im Interview mit.
IEA gibt Vorräte frei: Nur kurzzeitige Lösung
Die IEA hat bereits Vorräte freigegeben, um die unmittelbaren Folgen der Sperrung der Straße von Hormus so gut wie möglich abzufedern und die Auswirkungen auf unmittelbar betroffene, vorwiegend asiatische Länder einzugrenzen. Nach Angaben des IEA-Chefs sind 20 Prozent der Vorräte, also 400 Millionen Barrel an Ölreserven, freigegeben worden. An Lösungen werde aber weiterhin gearbeitet: "Wir geben Vorräte frei, schlagen Maßnahmen zur Öleinsparung vor und betreiben Energiediplomatie – ich stehe zum Beispiel in Kontakt mit den Ministern aus Saudi-Arabien, Brasilien, Indien und vielen anderen Ländern".
Jedoch warnt der IEA-Leiter eindringlichst, dass diese Maßnahmen lediglich "die Schmerzen nur lindern". "Die einzige, wirkliche Lösung liegt woanders: Es ist die Wiederöffnung der Straße von Hormus.", ergänzte Birol.
Birol wies darauf hin, dass eine Sperrung der Handelsroute über den April hinweg bedeuten würde, dass doppelt so viel Rohöl und Raffinerieprodukte verloren gehen würden. "Man muss sich bewusst sein, dass der März sehr schwierig war, der April aber noch viel schlimmer werden wird", fuhr der Energieexperte fort. Man stehe vor einem "schwarzen April". Bis sich die Länder wieder von den Kriegsschäden erholen würden, werde es zudem Jahre dauern.
Energiekrise als Chance: Geopolitik der Energie wird sich verändern
Vor diesem Hintergrund kann Birol der Situation doch noch etwas Positives abgewinnen: "... die Geopolitik der Energie wird sich tiefgreifend verändern". Der Krieg und die Energiekrise werde dazu führen, dass bestimmte Technologien sich viel schneller entwickeln werden. "Dies gilt für erneuerbare Energien, Solarenergie und Windkraft, deren Installation sehr schnell vonstattengeht.", erklärte der IEA-Chef weiter und verweist auf die Situation nach dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine, als sich das Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien im Vergleich zurzeit vor dem Krieg verdreifacht hatte.
Zudem werde die Laufzeit bestehender Kernkraftwerke verlängert, wodurch zusätzliche Kapazitäten gewonnen würden. "Und ich glaube, dass dies in vielen Ländern den Schwung zugunsten der Kernenergie wiederbeleben wird, einschließlich kleiner modularer Reaktoren". Und drittens wird sich, nach Ansicht des Energieexperten, auch die Automobilindustrie wandeln. Elektroautos werden sich demnach viel schneller durchsetzen als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor.
Verwendete Quellen:
www.lefigaro.fr: "Fatih Birol, directeur de l’Agence internationale de l’énergie: "La crise actuelle est plus grave que celles de 1973, 1979 et 2022 réunies""
Nachrichtenagentur dpa
Nachrichtenagentur Reuters
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