"Ein Roman gegen Gleichgültigkeit"

Shida Bazyar erhält den Deutschen Buchpreis für "Die Lücken"

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von Michael Reimers

Der Deutsche Buchpreis ist nicht die einzige Auszeichnung, die Autorin Shida Bazyar für ihren Roman "Die Lücken" bekommen hat.

Bild: Hannes P. Albert/dpa


Für ihren im Hunsrück angesiedelten Roman "Die Lücken" über verschwiegene Kapitel deutscher Vergangenheit ist Shida Bazyar mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. In ihrer Dankesrede fand die Autorin ernste Worte.

Das Wichtigste in Kürze

  • Shida Bazyar ist die Preisträgerin des Deutschen Buchpreises 2026.

  • Die Autorin erhielt die Auszeichnung für ihren Roman "Die Lügen".

  • Das Buch wurde als "einer der brisantesten Romane unserer Zeit" bezeichnet.

Der Deutsche Buchpreis geht in diesem Jahr an die Autorin Shida Bazyar für "Die Lücken". Der Roman reflektiere anhand einzelner Figurenschicksale fast hundert Jahre ambivalenten deutschen Lebens, heißt es in der Begründung der Jury. Die Autorin wähle dabei überzeugende literarische Strategien. Und: Es sei ein "Roman gegen Gleichgültigkeit".

Die 1988 in Rheinland-Pfalz geborene Bazyar hat "Die Lücken" in einem fiktiven Ort namens Heimesbach im Hunsrück angesiedelt, der an den Geburtsort der Autorin angelehnt ist. Die Ich-Erzählerin ist tot. Sie starb bei einem Verkehrsunfall. Seither gelangte sie an Wissen über den Ort aus der Nazi-Zeit. Sie wird von "Göttern" wieder dorthin geschickt, wohin sie als zehn Jahre altes Mädchen mit ihrer älteren Schwester und Eltern kam – als Flüchtlingsfamilie.

Erzählt wird von jüdischen Familien, von NS-Profiteuren sowie von kurdischen und iranischen Menschen, die in Deutschland Schutz und Zuflucht suchen. Es werden verschwiegene Kapitel deutscher Vergangenheit zur Sprache gebracht. So dreht sich der rund 500 Seiten lange Roman um Lügen, Rassismus und Verdrängung. Nie habe jemand zugegeben, "noch immer das Bild des Führers in seiner Schublade liegen zu haben", heißt es etwa.


Buch behandelt ernste Themen

Es falle ihr nicht so leicht, richtige Freude zu empfinden, sagte Bazyar in ihrer Dankesrede auf der Bühne im Frankfurter Römer. Schließlich handle das Buch von Menschen, die verfolgt, terrorisiert und ermordet wurden. "Es kommt mir nicht ganz richtig vor." Deshalb solle die Freude und die Wertschätzung, die sie bekäme, den Personen gehören, um die es in diesem Roman gehe.

Sie wolle darauf hinweisen, dass antisemitische Straftaten auf dem Höchststand seien – und rassistische auch. "Und dass es im Moment keine Minderheit in Deutschland gibt, die keine große Sorge hat." Sie schloss – vor den Danksagungen – mit einem Satz von Hannah Arendt, der sie beim Schreiben beschäftigt habe: "Das Problem an 1933 war doch nicht, was unsere Feinde gemacht haben, sondern was unsere Freunde gemacht haben."


Das gefiel Jury an dem Roman

Über einen Zeitraum von rund hundert Jahren verändert sich die Sprache zwischen den Zeitebenen und verleiht jeder ihren eigenen Ton. Und: Es sei ein Roman, der mit seinem transnationalen Blick die Grenzen des Heimatromans auslotet und ihn neu definiere, erklärte die Jury bereits bei der Bekanntgabe der Shortlist.

Und was hat noch überzeugt? "Der Blick einer toten Erzählerin und die kaleidoskopische Struktur des Textes ermöglichen es, zwischen den Zeiten zu springen sowie Nähe und Distanz zu erzeugen", hieß es nun in der Begründung. "Auch die enge Verbindung von fiktiven und dokumentarischen Elementen, von erfundenen und historischen Figuren, die selbst eine Stimme bekommen, erzeugen den starken Nachhall des Textes."

Kritiker: "Roman der Stunde"

Bazyars neues Werk – sie hatte 2016 ihr Debüt mit "Nachts ist es leise in Teheran" vorgelegt, gefolgt von "Drei Kameradinnen" 2021, das damals auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand – fällt in eine Zeit, in der die Nazi-Vergangenheit und die Verflechtung mit Familien in Deutschland wieder an Aktualität gewinnt. So hatten dieses Jahr etwa mehrere Medien eine neu veröffentlichte Datenbank des US-Nationalarchivs aufbereitet, mit deren Hilfe man prüfen kann, ob die eigenen Vorfahren Teil der Nazi-Maschinerie waren oder nicht.

Vom "Roman der Stunde" war mancherorts zu lesen. Es sei ein hochaktuelles und zugleich zeitloses Buch, "das wir genau jetzt brauchen und immer brauchen werden", hieß es bei "MDR Kultur". Und die "Frankfurter Rundschau" befand: "Wer "Die Lücken" gelesen hat, "weiß wirklich etwas über Land und Leute. Gestern und heute".

Der Deutsche Buchpreis gilt als eine der wichtigsten Auszeichnungen der Branche und wird traditionell am Tag vor der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse vergeben. Im vergangenen Jahr gewann ihn Dorothee Elmiger mit ihrem Roman "Die Holländerinnen".

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Die weiteren Kandidat:innen für den Buchpreis

Neben Bazyar waren noch fünf weitere Kandidat:innen in der engeren Auswahl: Franziska Gänsler ("Orca"), Valeria Gordeev ("Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle"), Elias Hirschl ("Schleifen"), Peggy Mädler ("Selbstregulierung des Herzens") sowie Dana Vowinckel ("Anton und Alma").

Insgesamt hatte die Jury 205 Titel gesichtet, die zwischen Herbst 2025 und Anfang September 2026 erschienen sind. Zunächst wurden 20 Bücher für die Longlist ausgewählt, diese wurde dann auf die sechs Titel umfassende Shortlist gekürzt. Insgesamt ist der Buchpreis mit 37.500 Euro dotiert: Bazyar erhält 25.000 Euro, die übrigen Autoren der Shortlist jeweils 2.500 Euro.

Für die Autorin bleibt es nicht nur bei dem Deutschen Buchpreis. Am 7. November erhält sie für "Die Lücken" den Wilhelm Raabe-Literaturpreis: Der vom Deutschlandfunk und der Stadt Braunschweig gestiftete Preis ist mit 30.000 Euro dotiert. Bazyar habe "einen der brisantesten Romane unserer Zeit geschaffen", erklärte die Jury. Der Ort Heimesbach werde "zum exemplarischen Schauplatz individueller Verstrickungen in die Verbrechen des Holocausts und einer schleichenden Normalisierung von Antisemitismus, Entrechtung und Ausgrenzung, die sich bis in die Gegenwart fortschreibt".


Verwendete Quelle:

Nachrichtenagentur dpa

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