Gefahr aus der Luft
Russische Gleitbomben verändern das Abwehrgeschehen im Ukraine-Krieg
Aktualisiert:
von Oliwia KowalakAuf diesem vom ukrainischen Katastrophenschutz zur Verfügung gestellten Foto löschen Feuerwehrleute ein Feuer, nachdem Russland die Stadt in der Nacht zum 29.09. mit Lenkbomben angegriffen hat.
Bild: ---/Ukrainian Emergency Service/AP/dpa
Sie kommen leise und mit gewaltiger Zerstörungskraft: Russische Gleitbomben setzen die ukrainische Abwehr unter Druck. Der Terror aus der Luft belastet die Zivilbevölkerung zunehmend. Selenskyj fordert mehr Unterstützung von westlichen Partnern.
Das Wichtigste in Kürze
Immer mehr Gleitbomben aus Russland erreichen Ziele im Landesinneren der Ukraine und zerstören wichtige Infrastrukturen.
Das Abwehrgeschehen des angegriffenen Landes wird dadurch mehr und mehr verlagert – russische Truppen können besser vorstoßen.
Die ukrainische Luftabwehr besitzt derzeit nur vier Patriot-Systeme. Präsident Selenskyj fordert mehr Hilfe für den Schutz der Menschen in der Ukraine.
Russische Gleitbomben werden zum Albtraum ukrainischer Zivilisten. Mittlerweile erreichen diese auch eine höhere Reichweite, und sind damit in der Lage, entfernete Orte im Landesinneren der Ukraine zu treffen. Wie die "New York Times" berichtet, ist die Hauptstadt der südukrainischen Region Saporischschja verstärkt Ziel solcher Attacken. Diese Gleitbomben treffen ohne jegliche Vorwarnung auf feindliches Gebiet – ohne ankündigende Geräusche, nur eine Explosion: "Sie explodieren plötzlich", sagte ein Anwohner der Stadt. "Wir sind besorgt“.
Wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vor einigen Tagen über X (vormals Twitter) mitteilte, habe Russland die Ukraine bereits mit über 1.100 Gleitbomben angegriffen. Seit einem Angriff im vergangenen Monat, bei dem nach Abgaben örtlicher Behörden eine Gleitbombe aus Russland eingesetzt wurde, steht die Stadt Saporischschja mehr und mehr unter Beschuss. So sollen im Zuge der Bombardierungen bereits mehr als 100 Menschen verletzt und mindestens zwei getötet worden sein.
Die angegriffene Stadt Saporischschja ist ein Zufluchtsort für Zivilisten und Vertrieben aus der Region Donbass und wegen medizinischer Einrichtungen wie dem Militärkrankenhaus eine wichtige Anlaufstelle für verwundete Soldaten. Sie trägt strategische Bedeutung für die ukrainische Verteidigung des Südens. Darüber hinaus ist Saporischschja aufgrund seiner Metallindustrie bedeutend – ähnlich wie Donbass, stützt es die ukrainische Wirtschaft durch Exporte und deren Waffenproduktion. Das Gebiet ist außerdem mit einem Wasserkraftwerk und einem Kernkraftwerk wichtiger Teil der Energieinfrastruktur.
Gleitbomben: "Russischer Terror" aus der Luft
Gleitbomben werden aus sicherer Entfernung von der Luftabwehr der Ukraine von Flugzeugen abgeworfen, und werden dann zu ihren Zielen gelenkt. Westliche Experten vermuten, dass für die Lenkung Satelliten verantwortlich seien und die Zielerfassung mittels Laser erfolgt.
Die Flugzeit der Bomben sei so kurz, dass Luftschutzsirenen, wenn überhaupt kurz vor dem Anschlag zu hören sind. "Die Menschen in der Stadt erzählen uns, dass sie begonnen haben, in ihren Kleidern zu schlafen, weil diese Bomben so leise sind, dass man sie erst hört, wenn sie explodieren", berichtet Natalia Ardalianova von der Wohltätigkeitsorganisation Artak. Die Situation hat sich definitiv verändert – wir schlafen jetzt weniger“.
Wie es im Bericht heißt, handelt es sich bei den russischen Modellen um ungelenkte Bomben aus der Sowjetära, die mit einem "Lenkungssatz" in Form von Gleitflügeln umgebaut wurden. Normalerweise können Gleitbomben Ziele aus 50 bis 70 Kilometern erreichen und bis zu drei Tonnen schwer sein. Neue Modelle sollen sogar Reichweiten von bis zu 90 Kilometern erzielen können.
Die Bomben haben eine enorme Zerstörungskraft und seien verhältnismäßig günstig zu produzieren. Nach Schätzungen des britischen Forschungsinstituts Royal United Service Instituts (RUSI) produziert Russland monatlich Tausende solcher Bomben. Experten sind der Meinung, dass die russischen Modelle durch Modifizierung nun eine höhere Reichweite haben.
Ukrainische Abwehr unter Druck
Diese Bomben bringen die Verteidigung der Ukraine in Bedrängnis, da sich die Abwehr strategisch neu ausrichten muss: "Russland nutzt zunehmend industriell produzierte Gleitbomben, die aus großem Abstand von der ukrainischen Grenze abgeschossen werden können. Und dementsprechend verlagert sich auch das Abwehrgeschehen", teilte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin im April mit. Die Vormärsche der russischen Armee in der Ukraine werden dadurch begünstigt.
Patriot-Flugabwehrsysteme dienen zur Abwehr von Flugzeugen, taktischen ballistischen Raketen und Marschflugkörpern und können bis zu fünf Ziele gleichzeitig bekämpfen und bis zu 50 kontrollieren – sie eignen sich auch zur effektiven Verteidigung der Gleitbomben. Doch die Ukraine besitzt nur wenige dieser Luftverteidigungssysteme. Im September erhielt das durch Russland angegriffene Land ein viertes Patriot-System von Rumänien. Weltweit würden zu wenig dieser Systeme produziert.
Laut Berichten der "Financial Times" seien die USA und Israel bereits in laufenden Verhandlungen über die Lieferung von acht israelischen Patriot-Systemen an die Ukraine gewesen. Im Sommer meldeten US-Medien, dass die Gespräche weit vorangeschritten seien.
Vergangenen Monat haben Verteidigungsminister und Militärs aus aller Welt über die Luftverteidigung der Ukraine im Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz beraten. "Wir erwarten von unseren Partnern, dass sie ein ganzes Paket von Beschlüssen zur Luftverteidigung und anderen Hilfen für die Ukraine umsetzen - das ist genau das Paket, das auf dem Nato-Gipfel in Washington im Juli beschlossen wurde", so Selenskyj kurz vor dem Treffen via Videobotschaft. Frankreich wird im Zuge dessen bald eine erste Charge an Mirage-Flugzeugen an die ukrainische Verteidigung liefern.
Präsident Selenskyj forderte vor dem Hintergrund der verstärken Angriffe durch russische Gleitbomben wiederholt mit Nachdruck mehr Schutz von den westlichen Partnern. Gegenüber Journalisten in Reykjavik bestätigte er heute die Forderung nach Tomahawk-Marschflugkörper aus den USA als "präventive Maßnahme".
Verwendete Quellen:
www.nytimes.com: "Ukrainian Civilians in Once Safe City Fear Growing Menace of Glide Bombs"
Nachrichtenagentur AP
Nachrichtenagentur dpa
dbwv.de: "Gefürchtete russische Gleitbomben: Ukrainische Verteidiger unter Druck"
ft.com: "US in talks to send Israel’s Patriot systems to Ukraine"
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