Gefährlicher als viele denken
Unterschätztes RS-Virus: Warum Säuglinge und Ältere besonders gefährdet sind
Aktualisiert:
von Claudia ScheeleDie Atemwegsinfektion RSV kann besonders gefährlich für Säuglinge und Senior:innen sein.
Bild: Bernd Weißbrod/dpa/dpa-tmn
Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) sorgt jeden Herbst und Winter für viele Atemwegsinfektionen – meist harmlos, doch manchmal lebensbedrohlich. Besonders gefährdet sind Säuglinge und ältere Menschen, doch auch jüngere Erwachsene können schwer erkranken.
Das Wichtigste in Kürze
RSV verursacht meist milde Erkältungen, kann aber bei Säuglingen, älteren Menschen und Personen mit Vorerkrankungen zu schweren Atemwegsproblemen bis hin zu Todesfällen führen.
Das Virus wird vor allem über Tröpfchen und Schmierinfektionen übertragen, einfache Hygieneregeln wie gründliches Händewaschen senken das Ansteckungsrisiko deutlich.
STIKO empfiehlt RSV-Impfungen für Ältere und Risikogruppen sowie eine Antikörper-Prophylaxe mit Nirsevimab für alle Neugeborenen und Säuglinge, um schwere Verläufe in der ersten RSV-Saison zu verhindern.
In der RSV-Saison 2024/2025 wurden in Deutschland laut Robert Koch-Institut (RKI) 64.850 Fälle registriert, 16.843 Patient:innen mussten im Krankenhaus behandelt werden. 312 Menschen mit RSV-Infektion starben, 92 Prozent von ihnen waren 60 Jahre oder älter. Diese Zahlen zeigen, dass das Virus vor allem für ältere Menschen gefährlich sein kann.
Trotzdem verlaufen viele RSV-Infektionen nur wie eine Erkältung mit Husten und Schnupfen. In schweren Fällen kommt es jedoch zu Atemnot, eine Behandlung im Krankenhaus oder sogar auf der Intensivstation kann nötig werden – im Extremfall endet die Erkrankung tödlich.
Was ist das RS-Virus?
RSV steht für Respiratorisches Synzytial-Virus. Der Erreger ist weltweit verbreitet und verursacht akute Atemwegserkrankungen. Kinder-Infektiologin Beate Kampmann von der Charité erklärt, das Virus "infiziert nicht nur Nase und Rachen, sondern führt auch zu einer Verengung der Atemwege".
Diese Verengung entsteht, weil RSV die Schleimhäute in Nase, Luftröhre und Bronchien anschwellen lässt und zusätzlich Schleim bildet, der die Atemwege verstopft. Typisch sind zunächst erkältungsähnliche Symptome wie Husten, laufende Nase und manchmal Fieber. Gefährlich wird es, wenn der Husten bellend oder rumpelnd klingt, pfeifende oder rasselnde Atemgeräusche auftreten oder sich bei Säuglingen die Haut zwischen den Rippen beim Atmen sichtbar einzieht – dann sollte sofort der Notruf gewählt werden.
Wer ist besonders gefährdet?
Bei Säuglingen ist das Immunsystem noch nicht ausgereift. RSV kann bei ihnen schnell zu einer Entzündung der kleinen Bronchien (Bronchiolitis) oder zu einer Lungenentzündung führen, die Sauerstoffaufnahme ist dann eingeschränkt. Besonders gefährdet sind Frühgeborene sowie Kinder mit Herzfehlern oder Fehlbildungen der Lunge. Nach Angaben des RKI erkranken weltweit jedes Jahr etwa 95 von 1.000 Kindern im ersten Lebensjahr an RSV, 16 von 1.000 müssen im Krankenhaus behandelt werden.
Auch ältere Menschen tragen ein hohes Risiko. Mit zunehmendem Alter lässt die Leistungsfähigkeit des Immunsystems nach, zusätzlich sind Vorerkrankungen häufig – etwa Diabetes, Lungenerkrankungen wie COPD oder Asthma, Rheuma, Nierenerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder andere Immunschwächen. Eine dänische Studie zeigte zudem, dass Erwachsene ab 45 Jahren im Jahr nach einer RSV-Infektion ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzrhythmusstörungen oder Bluthochdruck haben.
Wie steckt man sich mit RSV an?
Virologe Martin Stürmer erklärt, RSV werde "vor allem über eine sogenannte Tröpfcheninfektion übertragen". Beim Husten, Niesen oder Sprechen gelangen kleinste Tröpfchen mit Viren in die Luft und können von anderen eingeatmet werden. Zusätzlich sind Schmierinfektionen möglich: Über Hände, Türklinken oder andere Oberflächen kann das Virus weitergegeben werden.
Laut RKI bleibt RSV auf Händen etwa 20 Minuten, auf Papierhandtüchern etwa 45 Minuten infektiös. Kampmann betont, wie wichtig Hygiene dabei ist: "Wichtig ist daher, sich regelmäßig und gründlich die Hände zu waschen und Papierhandtücher zeitnah zu entsorgen." Die RSV-Saison dauert in der Regel von Oktober bis März. Eine Infektion kann mild oder schwer verlaufen und sich rasch verschlechtern – bei Atembeschwerden, Trinkschwäche oder Fieber, besonders bei Säuglingen und Risikokindern, sollten Eltern frühzeitig ärztliche Hilfe suchen.
Behandlung: Was hilft bei RSV?
Eine gezielte Therapie gegen den Erreger gibt es bislang nicht. "Ein spezifisches Medikament gegen das RS-Virus gibt es nicht", sagt Stürmer. Behandelt werden deshalb vor allem die Symptome: viel Ruhe, ausreichend trinken, Inhalationen mit Kochsalzlösungen und bei Bedarf fiebersenkende Medikamente.
Bei schweren Verläufen ist eine stationäre Behandlung nötig. Betroffene bekommen dann Sauerstoff, es können weitere Inhalationen notwendig sein, in Einzelfällen auch eine künstliche Beatmung. Laut Stürmer dauert "eine RSV-Erkrankung meist drei bis zwölf Tage", die "schlimmste Phase" sei häufig der dritte bis fünfte Tag nach Beginn der Symptome.
Impfung und Antikörper-Schutz
Die beim RKI angesiedelte Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt eine RSV-Impfung als Standardimpfung für Frauen und Männer ab 75 Jahren. Menschen ab 60 Jahren mit schweren chronischen Vorerkrankungen sowie Bewohner:innen von Pflegeheimen sollen sich ebenfalls schützen lassen. Auch Schwangere können sich gegen RSV impfen lassen: Kampmann erläutert, dass dadurch "die Babys ab ihrer Geburt durch die Antikörper der Mutter zwar nicht vor einer möglichen Infektion, aber vor einem schweren Krankheitsverlauf geschützt" sind. Laut RKI ist die Impfung zwischen der 24. und 36. Schwangerschaftswoche möglich.
Für Neugeborene und junge Säuglinge empfiehlt die STIKO eine RSV-Prophylaxe mit dem Antikörper Nirsevimab. Dabei handelt es sich um eine passive Immunisierung: Der Antikörper wird in den Oberschenkel gespritzt und erschwert es dem Virus, Zellen zu befallen. So sind Kinder während ihrer ersten RSV-Saison – etwa drei bis sechs Monate lang – vor schweren Verläufen geschützt. Je nach Geburtsmonat erfolgt die Gabe kurz nach der Geburt (Oktober bis März) oder im Herbst vor Saisonbeginn (April bis September). Studien zeigen, dass die Prophylaxe gut verträglich ist; lokale Reaktionen an der Einstichstelle und seltene allergische Reaktionen sind möglich, klingen aber in der Regel rasch ab. Ergänzend bleiben einfache Maßnahmen zentral: regelmäßiges Händewaschen, Lüften, Abstand zu Erkrankten und der Verzicht darauf, mit ungewaschenen Händen Augen, Nase oder Mund zu berühren.
Verwendete Quellen:
Apothekenrundschau: "Unterschätztes RS-Virus – wer besonders gefährdet ist"
infektionsschutz.de: "RSV-Prophylaxe bei Neugeborenen und Säuglingen"
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