Bei "Maischberger"
Holocaust-Überlebende Charlotte Knobloch: "Die Menschen haben Angst"
Veröffentlicht:
von Marko Schlichting:newstime
Knobloch: AfD und NSDAP ähneln sich "in vielen Bereichen"
Videoclip • 01:17 Min • Ab 12
Antisemitismus sei ein gesamtgesellschaftliches Problem, sagt die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch. Sie richtet als Gast bei Sandra Maischberger aber auch klare Forderungen in Richtung der Politik.
Wenn sich Charlotte Knobloch daran erinnert, wie sie 1942 ihre Großmutter verloren hat, muss sie immer noch mit den Tränen kämpfen: "Ich habe sie gesehen - wir wohnten im zweiten Stock, unten war ein Tor. Ich habe sie gesehen, wie sie das Tor mit ihrem hellbraunen Koffer in der Hand geöffnet hat und weggegangen ist. Und sie ist in Theresienstadt ermordet worden."
Damals war Knobloch neun Jahre alt. Ihr Vater sorgte dann dafür, dass sie ihre Heimatstadt München verlassen und sich bei einer ehemaligen Hausangestellten auf dem Land verstecken konnte. So überlebte sie den Holocaust der Nazis, dem etwa sechs Millionen Jüdinnen und Juden zum Opfer fielen.
Charlotte Knobloch, ehemalige Zentralratsvorsitzende der Juden in Deutschland, sprach bei "Maischberger" über Antisemitismus.
Bild: WDR / Oliver Ziebe
Auch in den News:
Charlotte Knobloch: "Die AfD gehört weg"
"Die Menschen haben Angst", sagt die ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland am Mittwochabend (30. September) bei Sandra Maischberger. Denn der Hass gegen Jüdinnen und Juden ist nicht verschwunden. Im Gegenteil: Die in Teilen rechtsextremistische AfD beflügele ihn, ist Knobloch sicher. "Die AfD gehört weg", fordert sie. "Das ist die Grundlage, die wir suchen müssen. Sonst weiß ich nicht, wie unsere Zukunft sich weiter entwickeln wird."
Knobloch fordert: "Man muss schauen, dass man diese Partei wieder in den Griff bekommt, dass sie so schnell verschwindet, wie sie auch gekommen ist." Das sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe: "Die Parteien müssen dafür Sorge tragen, dass sie nicht gewählt werden. Und wir müssen die Wähler davon überzeugen, dass man die AfD nicht wählen kann."
Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Das beweisen Ereignisse aus den letzten Wochen. In Berlin hat die Linkspartei die Wahl zum Abgeordnetenhaus gewonnen, obwohl einigen Mitgliedern antisemitische Äußerungen zur Last gelegt werden. Hier müsse die Politik verhindern, dass es zu einer Koalition mit der Partei komme, fordert Knobloch. "Das wäre eine große Katastrophe nicht nur für die Juden in Berlin, sondern für alle Berliner, wenn solche Leute die Politik in Berlin durchführen."
Jörg Pilawa: "Die müssen raus aus der Partei"
Zuvor hatte der SPD-Politiker Ralf Stegner gefordert: "Man muss sich von solchen Leuten trennen, sonst kann man nicht zusammenarbeiten. Das sage ich klipp und klar, und das gilt für alle." "Die müssen raus aus der Partei", fordert auch Moderator Jörg Pilawa, der ebenfalls bei Maischberger zu Gast ist.
Doch nicht nur die Linkspartei scheint ein Problem mit Antisemitismus zu haben. Im sächsischen Heidenau bei Dresden hat sich der Stadtrat jüngst gegen neue Stolpersteine ausgesprochen und beschlossen, eine Stelle auf einem Friedhof für die Erinnerung an die von den Nazis ermordeten Jüdinnen und Juden freizumachen. Die CDU stimmte gemeinsam mit der AfD dafür. "Katastrophal", so nannte der Bundesvorsitzende der Jungen Union, Johannes Winkel, die Zusammenarbeit der beiden Parteien bei Maischberger.
Charlotte Knobloch hat eigentlich für Stolpersteine nichts übrig. Dadurch würden die Opfer der Nazis erneut symbolisch mit Füßen getreten, sagt sie. Dennoch fordert sie bei Maischberger, Erinnerungskultur gehöre in die Stadt, nicht auf den Friedhof.
Knobloch ist inzwischen 93 Jahre alt. Doch sie ist noch nicht müde, kämpft weiter für die Rechte der in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden. Im Juli ist sie erneut zur Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern gewählt worden. "Solange ich kann, möchte ich gerne diesen Sport, dieses Thema weiter verfolgen. Alles, was man gerne tut, ist keine Anstrengung", sagt sie.
Nun ist ein neues Buch von Charlotte Knobloch erschienen. "Trotzdem weiter" heißt es. Das sei immer ihr Lebensinhalt gewesen, sagt sie. "Und ich glaube auch, das jüdische Leben hat einem etwas lehren können, dass man, auch wenn Schlimmes passiert, nicht die Lust am Leben verlieren soll."
:newstime verpasst? Hier aktuelle Folge ansehen
Mehr entdecken

Reform-Talk
Thorsten Frei irritiert Lanz mit Aussage zur Rentenreform

Ifo und DIW
Schaden höher als Nutzen: Wirtschaftsinstitute kritisieren Tankrabatt

Trainer setzte ihn auf die Bank
Ronaldo sorgt für Eklat: Superstar verlässt Nationalmannschaft

Anhörung zu möglichem Verbotsverfahren
Kerkeling macht AfD klare Ansage: "Dulden keinen Faschismus"

Prognosen
Mehr als 4 Prozent: So stark könnte die Rente 2027 steigen

Achtmal "sehr gut"
Babyöl im Öko-Test: Mehrere Produkte mit Mineralölen belastet




