Generation Unsicherheit

Zukunftsangst im Job: Warum junge Menschen auf "Stability Stacking" setzen

Veröffentlicht:

von Benedikt Rammer

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Psychische Erkrankungen im Job nehmen zu

Videoclip • 01:47 Min • Ab 12


Jede zweite Person bis 40 Jahre in Deutschland hat laut einer Umfrage der Krankenkasse Pronova BKK spürbar Angst vor der beruflichen Zukunft. Viele reagieren darauf mit dem Trend "Stability Stacking", bei dem sie ihre Fähigkeiten, Netzwerke und Einkommensquellen breiter aufstellen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Jede zweite Person bis 40 Jahre in Deutschland hat laut einer Umfrage der Pronova BKK spürbar Angst vor der beruflichen Zukunft.

  • Mit "Stability Stacking" wollen Menschen ihre Fähigkeiten, Netzwerke und Einkommensquellen breiter aufstellen, um sich abzusichern.

  • ifaa-Direktor Sascha Stowasser sieht auch Arbeitgeber in der Pflicht, Weiterbildung und neue Aufgaben im Betrieb zu ermöglichen.

Wie sehr junge Menschen um ihre Zukunft bangen, zeigt sich in vielen Lebensbereichen. Die Frage "Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?" kennen die meisten aus Bewerbungsgesprächen. Inzwischen trifft sie einen wunden Punkt. Technischer Fortschritt durch künstliche Intelligenz (KI), steigende Lebenshaltungskosten bei gleichbleibenden Löhnen und globale Krisen verunsichern viele Menschen. Besonders junge Generationen sorgen sich. Laut einer repräsentativen Umfrage der Krankenkasse Pronova BKK aus dem Frühjahr 2026 hat in Deutschland etwa jede zweite Person bis 40 Jahre spürbar Angst davor, wie es beruflich weitergeht.

Die Sorge hat auch wirtschaftliche Gründe. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kam in einem Report aus dem Jahr 2019 zu dem Schluss, dass Millennials (Jahrgang 1981 bis 1996) voraussichtlich die erste Generation sein werden, die ökonomisch schlechter dasteht als ihre Eltern. Von den Boomern (Jahrgang 1946 bis 1964) verdienten in ihren Zwanzigern noch etwa 70 Prozent ein Mittelschichtseinkommen. Bei den Millennials sind es nur noch rund 60 Prozent.

Millennials suchen nach Sicherheit

Auch die psychische Belastung wächst. Erschöpfung, Stress, Schulden und Perspektivlosigkeit nehmen unter jungen Menschen in Deutschland Jahr für Jahr zu. Gleichzeitig zeigt die Trendstudie "Jugend in Deutschland 2026", dass die Leistungsbereitschaft weiterhin hoch ist. Als Reaktion wachsen die Strategien zur eigenen Absicherung. Ein Beispiel ist "Polyworking", also mehrere Jobs gleichzeitig, das immer beliebter wird.

Nun macht ein neuer Begriff die Runde: "Stability Stacking". Geprägt hat ihn das Recruiting-Portal "Glassdoor" in einem im September 2026 veröffentlichten Report. Dafür hat das Portal eine eigene repräsentative Umfrage zu den wachsenden Sorgen der Millennials um ihre Berufslaufbahn durchgeführt. Dem Report zufolge ist "Stability Stacking" der Versuch, sich für die Zukunft abzusichern, insbesondere im Hinblick auf KI.

Was hinter dem Trend steckt

Gemeint ist, dass Menschen ihre Karriere wieder stärker selbst steuern wollen. Sie verteilen ihre Risiken, indem sie ihre Fähigkeiten, Netzwerke und Einkommensquellen breiter aufstellen. So halten sie sich viele Optionen offen. Laut dem Report geschieht das nicht als radikaler Bruch, sondern eher als fließender Übergang, etwa durch Weiterbildungen, Networking und Freelancing. Konkrete Zahlen, wie verbreitet der Trend ist, nennt Glassdoor allerdings nicht.

Sascha Stowasser, Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft e. V. (ifaa), sieht darin nichts grundsätzlich Neues. Weiterbildungen und "Polywork" seien nicht neu, erklärt er der "Frankfurter Rundschau". Dennoch sei das Papier von Glassdoor ein "interessantes Signal" für die Verunsicherung. Viele Millennials stünden in einer Lebensphase, in der Beruf, Familie und finanzielle Verpflichtungen eine größere Rolle spielen. "Gleichzeitig haben sie verschiedene wirtschaftliche Umbrüche, die Pandemie und geopolitische Zerwürfnisse erlebt", sagt Stowasser.

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Keine reine Frage der Generation

Eine reine "Millennial-Mentalität" leitet Stowasser daraus jedoch nicht ab. "Die Forschung zeigt, dass wir Unterschiede zwischen Generationen schnell überschätzen. Alter, Lebensphase und die jeweiligen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen spielen mindestens ebenso eine Rolle", sagt er.

Auch für Unternehmen kann der Trend Vorteile haben. "Gerade in Zeiten schnellen technologischen Wandels profitieren Unternehmen von Beschäftigten, die ihre Kompetenzen weiterentwickeln und über die Grenzen ihrer aktuellen Aufgabe hinausdenken", so Stowasser. Allerdings gibt es Grenzen: "Kritisch wird es, wenn zusätzliche Tätigkeiten dauerhaft zu Überlastung führen, die Erholung beeinträchtigen oder Interessen des Unternehmens berühren." Ob jemand freiwillig Erfahrungen sammelt oder aus finanziellen Gründen auf eine weitere Tätigkeit angewiesen ist, macht laut Stowasser einen erheblichen Unterschied.

Was Arbeitgeber tun können

Beschäftigte müssen ihre Sicherheit nicht zwingend außerhalb ihres Unternehmens aufbauen. "Ein guter Arbeitgeber kann viele dieser Bausteine selbst anbieten: durch Weiterbildung, interne Projekte, neue Aufgaben, laterale Entwicklungsmöglichkeiten oder Wechsel zwischen Bereichen", erklärt Stowasser. Wer sich im eigenen Betrieb weiterentwickeln kann, muss dafür nicht gehen. Das gilt für neue Aufgaben ebenso wie für das Gehalt.


Verwendete Quellen:

Krankenkasse Pronova BKK: "Jede:r 2. in der Gen Z hat Zukunfts­angst im Job"

OECD-Report: "Under Pressure: The Squeezed Middle Class"

Glassdoor: "Millennial career report: A guide to stability stacking"

Frankfurter Rundschau: "Stability Stacking": "Arbeitstrend breitet sich unter Millennials aus"

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