Brandbrief mit Erfolg
Fünf Meter Abstand zur Realität? Dortmund zieht erste Bilanz nach umstrittenem Bettelverbot
Veröffentlicht:
von Marie-Finn Bruker:newstime
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Videoclip • 01:21 Min • Ab 12
Seit Anfang August müssen einige Dortmunder:innen einen Bogen um Teile der Innenstadt machen – zumindest, wenn sie betteln. Ein Akt der Stigmatisierung oder Vorbild für die Zukunft einer Stadt?
Der Alte Markt in Dortmund: Ein Platz zwischen herrschaftlichen Altbauten und 70er-Jahre-Ruhrpott-Platten. Vor allem im Sommer laden hier zahlreiche Cafés und Restaurants zum Verweilen ein.
Doch die Stimmung zwischen Kaffee, Kuchen und Feierabendbier ist gedämpft. Jeden Tag werde man "hundertfach" von "aggressiv bettelnden" Menschen belästigt, so Dortmunder Wirt:innen gegenüber "Ruhr Nachrichten". Sie veröffentlichen einen Brandbrief an Behörden und Politiker:innen der Stadt.
Mit Erfolg: Nach dem Vorbild von Städten wie Aachen, München oder Bremen zieht nun Anfang August auch Dortmund nach und verhängt ein Bettelverbot in fünf Metern Umkreis der Außengastronomie. Die Partei des Oberbürgermeisters Alexander Kalouti (CDU) verbucht das unter ihrem Motto "Die Stadt zuerst" – manche Stadtbewohner:innen müssen dabei eben um ein paar Meter weichen.
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Die Gastronom:innen schildern gegenüber "Ruhr Nachrichten" etwa Angriffe auf Beschäftigte mit Messern oder einem Aschenbecher, "entblößtes Eindringen in die Gasträume" oder das Urinieren und Koten auf die Terrassen. Öffentlich Drogen konsumierende Personen verschreckten die Familien, allgemein nehme die Kundschaft gefühlt ab, heißt es weiter. In dem Brief schreiben die Betroffenen: "Wir haben bei psychischer Gesundheit und wirtschaftlicher Existenz längst alle akzeptablen Grenzen überschritten."
CDU fordert "Null-Toleranz-Strategie"
Dortmunds Oberbürgermeister Kalouti hört seine Bürger:innen. Zumindest die, die sich beim Aperitiftrinken oder Abendessen von Bettler:innen bedroht fühlen – die "Allgemeinheit", wie es ein Sprecher der Dortmunder CDU-Fraktion gegenüber :newstime ausdrückt. Weiter heißt es, man verfolge schon lange den Ansatz, "Störungen und Belästigungen" mit einer "Null-Toleranz-Strategie" zu bekämpfen.
Die Lösung: Bettelverbotszonen. Rund um Außengastronomien sollen Menschen andere nicht mehr um Geld fragen dürfen. Doch nicht nur das. Auch das sogenannte stille, also passive Betteln will die Stadt im Fünf-Meter-Abstand untersagen.
Am 9. Juli war das beschlossene Sache, der Rat in Dortmund stimmte dem Vorschlag zu. Genauer gesagt eine Mehrheit von SPD, CDU, AfD und FDP. Von der Linken, Die Partei und den Grünen gab es ordentlich Kritik.
In einem öffentlichen Statement sprechen die Grünen von einer "stigmatisierenden und kaum umsetzbaren Regelung". Für bettelnde Menschen, auch die, von denen keinerlei Belästigung ausgehe, gleiche die Abgrenzung vor allem aufgrund der engen Bestuhlung in der Innenstadt einem Platzverbot.
Die Stadt Dortmund sieht das anders. Die Regelung richte sich nicht gegen bestimmte Personengruppen, sondern knüpfe ausschließlich an den Ort an, heißt es von einer Pressesprecherin gegenüber :newstime. Weiter heißt es, die Situation in Gastronomien unterscheide sich von anderen Bereichen des öffentlichen Raums. "Dort halten sich Gäste häufig über einen längeren Zeitraum auf und können einer direkten Ansprache durch bettelnde Personen nur eingeschränkt ausweichen."
Nach einer Umfrage des Online-Portals "Statista" von 2025 scheinen nicht nur in Dortmund Menschen eine klare Meinung zum Betteln zu haben. Bundesweit gaben ganze 57 Prozent der Befragten an, sie seien dafür, Betteln generell in Innenstädten zu verbieten. 37 Prozent antworten mit "dagegen", nur fünf Prozent der Deutschen sind sich der Umfrage nach bei diesem Thema unsicher.
Bilanz nach einer Woche Bettelverbot
In Städten wie Aachen oder München gibt es bereits Bettelverbotszonen. Mit dem 1. August ist nun auch Dortmund nachgezogen. Doch kann die Fünf-Meter-Abstandsregel die Belange aus dem Brandbrief beheben?
"Betteln an einigen Orten zu verbieten, löst das Problem nicht im Ansatz, Platzverweise verlagern es allenfalls", schreibt die Caritas in einem Infobeitrag zum Umgang mit bettelnden Menschen. "Viele Menschen haben Angst, selbst einmal ein solches Schicksal zu erleben. Sie fühlen sich unsicher und hilflos, schauen lieber weg, als sich der Realität zu stellen." Menschen in Not, wie etwa Bettler:innen, tauchten ohnehin an anderer Stelle wieder auf, sobald sie in einem bestimmten Bereich verdrängt würden.
In Dortmund ist die neue Regelung vorerst auf ein Jahr befristet. 2027 will die Stadt dann Bilanz ziehen und eine Langzeitlösung evaluieren, so die Sprecherin gegenüber :newstime. Die Gastronom:innen zeigten sich allerdings bereits zufrieden. Auch die Dortmunder CDU-Fraktion berichtet von "vielen Rückmeldungen", die bezeugten, dass das Bettelverbot in den ersten Tagen nach Inkrafttreten bereits Wirkung zeige.
Verwendete Quellen:
Nachrichtenagentur dpa
Ruhr Nachrichten: "Gastronomen vom Alten Markt schreiben Brandbrief: 'Wir wollen mit am Tisch sitzen'"
Caritas: "10 Tipps und Infos für den Umgang mit bettelnden Menschen"
Ratsfraktion Bündnis 90/Die Grünen Dortmund: "Mehrheit des Rates beschließt Bettelverbot"
WDR: "Bettelverbot in Dortmund"
Statista: "Sollte das Betteln in Innenstädten verboten werden?"
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